Illusorische CO2-Ziele und Energiearmut

Am Mittwoch hat die EU-Kommission einen Vorschlag zur Festlegung verbindlicher nationaler Ziele der EU-Mitglieder für die Reduzierung von Treibhausgasemissionen veröffentlicht. Deutschland soll danach bis 2030 seine Emissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen gegenüber dem Stand von 2005 um 38 Prozent vermindern. Doch damit sieht es düster aus.

Wunsch und Wirklichkeit

Abb. 1: Treibhausgasemissionen in Deutschland als CO2-Äquivalent. Damit man die verschiedenen Treibhausgase wie Kohlendioxid (CO2) Methan, Distickstoffmonoxid usw. zu einer einzelnen Summe addieren kann, rechnet man sie in sogenanntes CO2-Äquivalent um.

Ich habe die von der Kommission angedachte Verminderung als blaue Linie in Abb. 1 eingezeichnet. Wobei der Linienverlauf nicht wirklich wichtig ist. Entscheidend ist das Ziel im Jahr 2030.

Die grüne Linie gibt das aktuelle Klimaziel der Bundesregierung wieder. Das besteht seit 2010 und besagt, bis 2020 die Treibhausgasemissionen um 40 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu senken.

Im Unterschied zu diesen hehren Zielen zeigt die rote Linie die bittere Realität: Die tatsächlichen Treibhausgasemissionen schaffen es immer weniger, die Zielvorgaben zu erreichen. Während das 2020er Ziel (grüne Linie) mehr und mehr außer Reichweite gerät, erscheint der Vorschlag der EU-Kommission (blaue Linie) schlichtweg unerreichbar.

Jedenfalls dann, wenn man die in der Vergangenheit erreichten Erfolge Ergebnisse zugrunde legt. Auch mit der gigantischen Summe von über 140.000.000.000 Euro, die die Energiewende bis jetzt verschlungen hat, ist es nicht gelungen, die Treibhausgasemissionen wenigstens soweit zu senken, um das selbstgesteckte Ziel zu erreichen. Bis 2020 sind es nur noch gut vier Jahre. Die Bundesregierung hat ihr Pulver verschossen, und es ist weit und breit nichts zu sehen, das die rote Linie wieder zurück in die grüne oder gar in die blau Spur bewegen könnte.

Atomausstieg erschwert CO2-Reduzierung

Die Sache wird nicht einfacher dadurch, daß sich Deutschland sich selbst der wichtigsten Waffe gegen CO2– und sonstige Emissionen beraubt hat: der Kernenergie. Deutsche Kernkraftwerke lieferten 2015 immerhin noch knapp 40 Prozent der CO2-armen Stromproduktion. Dieser Strom wird durch den Atomausstieg bis 2022 wegfallen und durch Strom aus anderen Quellen ersetzt werden müssen. Klar, das werden auch CO2-arme Photovoltaik und Windkraft sein, die allerdings nur dann liefern, wenn die Sonne scheint und der Wind weht. Zu allen anderen Zeiten werden Kohle- und Gaskraftwerke einspringen und entsprechend CO2, Feinstaub und Schadstoffe in die Luft blasen. Die Emissionen werden durch den Atomausstieg steigen.

Mit den entsprechenden Folgen: Folgt man der Dark-Cloud-Studie von WWF, Greenpeace, CAN Europe, HEAL, und Sandbag, kamen in Deutschland allein im Jahr 2013 fast 2500 Menschen durch die Folgen der Kohleverstromung vorzeitig ums Leben. Das dürfte sich verschärfen. Aber mehrere tausend Tote jährlich sind wohl ein Preis, den die Gesellschaft in Deutschland akzeptiert, um der abstrakten Gefahr eines höchst unwahrscheinlichen Nuklearunfalls zu entgehen. Und selbst wenn es zu einem schweren Nuklearunfall käme, hielten sich die Folgen für die Bevölkerung in Grenzen und wäre bei weitem nicht die Apokalypse, die Antiatomiker gern an die Wand malen. Zum Vergleich: Das Reaktorunglück von Fukushima mit nicht weniger als drei Kernschmelzen und massiven radiologischen Freisetzungen forderte kein einziges Strahlenopfer und wird das wohl auch künftig nicht.

Jedenfalls hat es die Energiewende nicht geschafft, die CO2-Emissionen signifikant zu senken. Die deutsche Stromproduktion ist nach wie vor CO2-intensiv, setzt für jede produzierte Kilowattstunde knapp 500 Gramm CO2 frei und liegt damit in der gleichen Größenordnung wie Japan, Rußland und die USA, siehe Abb. 2. Deutlich geringer ist die CO2-Intensität in Brasilien dank Wasserkraft, Kanada (Wasserkraft, Kernkraft) und insbesondere Frankreich, das den Löwenanteil seines Stroms CO2-arm aus Kernenergie gewinnt.

Abb. 2: CO2-Intensität der Stromproduktion in verschiedenen Ländern. Die CO2-Intensität gibt an, wieviel Gramm CO2 bei der Produktion einer Kilowattstunde Strom freigesetzt werden.

Nicht nur Strom

Doch wir haben ja nicht nur die Stromproduktion. Wärme (Heizung, Industrie), Verkehr und Landwirtschaft verbrauchen ein Mehrfaches der zur Stromerzeugung nötigen Primärenergie. Hier dominieren klar die fossile Energieträger, was fast jeder weiß, der mit seinem Auto eine Tankstelle ansteuert. Wer CO2-Emissionen senken will, braucht auch hier – beziehungsweise vor allem hier – Lösungen!

Naheliegend ist es, den Verkehr zu elektrifizieren und Heizungen, die in irgendeiner Form fossile Brennstoffe nutzen, durch Elektroheizungen oder Wärmepumpen ersetzten. Dies würde aber den Strombedarf in Deutschland verfünffachen, wie die WELT berichtet, die sich dabei allerdings auf eine Greenpeace-Studie beruft. Die optimistischen Berechnungen der Energiewendebefürworter Makulatur werden lassen, denn die gehen stets von einem sinkenden Strombedarf aus, weil sie anders vorn und hinten nicht hinkämen. Und sogar unter dieser Annahme kann das Ergebnis nicht wirklich gefallen. Eine für das grüne (!) Umweltministerium Baden-Württemberg vom DLR durchgeführte Studie prognostiziert selbst im besten Fall ab 2022 Strommangel in Süddeutschland – Strommangel, den auch Atomstromimporte aus Tschechien, Frankreich oder der Schweiz nicht werden ausgleichen können.

Noch schlimmer sieht es aus, wenn die Bundesregierung ihren Klimakurs auch bei Wärme und Verkehr unbeirrt weiterverfolgt. Ohne Kernenergie führt der Weg in die Energiearmut.  Fossile Energieträger dürfen nicht mehr genutzt werden, und Strom wird zum Luxusgut, den sich nicht mehr jeder leisten kann. Einen Vorgeschmack liefert Südaustralien mit seinem hohen Windkraftanteil. Wenn der Wind nachläßt, sprint der Strompreis gern auf über 1.000 $/MWh, einmal sogar auf 14.000 $/MWh. Da nützt auch eine tolle Jahresgesamtproduktion nichts. Strom muß in jeder Sekunde da sein und zwar genau in der Menge, die der Nachfrage entspricht. Sonne und Wind leisten das nicht, und Energiespeicher dienen auch nur der Mangelverwaltung.

Nutzen der Kernenergie bei Wärme und Verkehr

Ich will aber konstruktiv schließen und an dieser Stelle kurz darauf hinweisen, daß Kernenergie nicht nur zur Stromproduktion taugt, sondern auch bei Wärme und Verkehr CO2-arme Alternativen ermöglicht. So liefern Hochtemperaturreaktoren die nötigen Temperaturen für industrielle Prozesse – was übrigens in Deutschland auch heute noch genehmigungsfähig wäre, denn das Atomgesetz will nur »die Nutzung der Kernenergie zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität« beendet (§ 1 AtG). Temperaturen über 1000 °C erschließen den Weg in die Wasserstoffchemie, was die CO2-neutrale Herstellung synthetischer Treibstoffe (Synfuel) für Fahrzeuge, Flugzeuge und Schiffe ermöglicht. Auch Fernheizkernkraftwerke sind denkbar.

Quintessenz: Kernenergie kann in den Bereichen Strom, Wärme und Verkehr entscheidende Beiträge zur Dekarbonisierung liefern. Die politischen Akteure können oder wollen das nicht erkennen und kritisieren die Energiewende höchstens hinter vorgehaltener Hand.

Wir brauchen eine neue Generation junger Politikern, die noch nicht in überkommenen und übernommenen Anti-Atom-Irrtümern gefangen ist, sondern offen ist, die in Deutschland seit Jahrzehnten tradierten antinuklearen Überzeugungen und Denkmuster zu hinterfragen und an der Realität zu messen. Das Ergebnis wird die Rückkehr der Kernenergie sein.

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