Lügen durch Weglassen oder: Warum schweigt der Minister?

Ist es Lüge, wenn ich nicht die ganze Wahrheit sage? Ist es Unwahrheit, wenn ich nur über bestimmte Dinge spreche, andere aber unter den Tisch fallen lasse?

Lügen durch Weglassen: Beschränkung auf einen Teilausschnitt ändert die Bildaussage fundamental.

Wie das geht, zeigt das nebenstehende Bild aus dem Irakkrieg. Je nachdem, auf welchen Ausschnitt des Gesamtbildes ich mich beschränke, ist die Aussage eine völlig andere. Links bekomme ich den bösen Soldaten, der einen Wehrlosen mit der Waffe bedroht, rechts den guten Soldaten, der einem Hilflosen Wasser einflößt. Durch geschicktes Weglassen eines Teils der Wahrkeit lüge ich zwar nicht direkt, aber ich verzerre die Wirklichkeit auf eine Art und Weise, die ihr nicht entspricht und mit der ich die Einstellung des Betrachters gezielt manipulieren kann, hier: seine Haltung zum amerikanischen Militär.

Doch nicht nur Bildjournalisten können durch Weglassen lügen. Unser Bundesumweltministerium kann das auch.

Endlager im Unterricht

Am 27. Juni 2013 hat der Deutsche Bundestag das Standortsuchgesetz für die Suche nach einem Endlager für hochradioaktive, wärmeentwickelnde Abfälle (Atommüll) beschlossen. Einen Tag später gab das von Peter Altmaier geführte Bundesumweltministerium Material heraus, mit dem Lehrer die Themen Atommüll und Endlagerung im Unterricht behandeln können. Dazu hat das Ministerium Unterrichtsvorschläge für Grundschule und Sekundarstufe ausgearbeitet. [Aktualisierung 2015-12-01: Das Material ist unter den vorstehenden Links nicht mehr verfügbar. Eine Suche nach dem Stichwort »Endlager« mag aber weiterführen.]

Ich habe mir das Hintergrundmaterial angeschaut. Es skizziert das Endlagersuchgesetz und zählt auf, woher radioaktive Abfallstoffe kommen (nein, nicht nur aus Kernkraftwerken). Recht oberflächlich wird angerissen, wie radioaktive Strahlung auf den Menschen wirkt.

Alsdann werden die bisherigen Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle besprochen: Morsleben und die Asse – beide geschlossen – sowie der Schacht Konrad, der nicht vor 2019 zur Verfügung stehen wird. Die Anforderungen an ein Endlager für hochradioaktive Abfälle werden skizziert und die Alternativen angesprochen, den Atommüll in ein anderes Land zu exportieren oder ihn oberirdisch zu lagern. Auch die gesellschaftliche Entwicklungen kommen nicht zu kurz: Skepsis gegenüber der Kernenergie seit den 1970ern, Auseinandersetzungen um Wyhl, Brokdorf, Wackersdorf oder den Schnellen Brüter in Kalkar – und natürlich Gorleben.

Untersuchungswürdige Wirtsgesteinsformationen
Salzgesteine / Tongesteine

Zur Standortsuche erläutert das Ministerium, es gebe keine Vorfestlegung. Vermutlich, aber nicht zwingend, beschränke sie sich auf »mächtige nahezu undurchlässige Gesteinsformationen« und auf die Regionen, in denen sie vorkommen. Schließlich beteuert man, anders als bei Gorleben wolle man nun aber demokratischer zu Werke gehen, so daß die »grundlegenden Entscheidungen sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich auf ein festes Fundament gestellt werden.«

Was fehlt

Doch wenn das Ministerium von wissenschaftlichem Fundament spricht, wird es seinen eigenen Maßstäben nicht gerecht. Denn Wissenschaftler verschaffen sich stets eine umfassende Sicht der Dinge und berücksichtigen alle bekannten Aspekte.

Das tut das Umweltministerium aber  nicht. Sein Material ist unwissenschaftlich, weil es sich zwar umfassend gibt, aber nur einen Teil der Wirklichkeit zeigt. Womit wir wieder beim Lügen durch Weglassen sind.

Denn das Ministerium verschweigt eine wichtige Alternative zum Umgang mit Atommüll. Eine Möglichkeit, die international diskutiert wird, in Deutschland jedoch fast unbekannt ist.

Statt den hochradioaktiven, langlebigen Atommüll tief in der Erde zu vergraben, kann man mit ihm das machen, was man mit anderen Arten von Müll ebenfalls macht: Man zerlegt ihn in ungefährlichere Einzelteile. Was übrigbleibt, ist zwar ebenfalls radioaktiv, jedoch deutlich entschärft, weil die Reststoffe sehr viel schneller abklingen. Statt einer Endlagerung für 300.000 Jahre ist nur noch eine Lagerung für gut 300 Jahre erforderlich. Das ist sehr viel einfacher machbar.

Beim Atommüll geht das Zerlegen der Stoffe nicht durch mechanische, chemische oder biologische Verfahren, sondern mit Hilfe der sogenannten Transmutation. Dabei wird der langlebige Müll mit energiereichen Neutronen beschossen, die ihn aufspalten. Solche Neutronen erhält man wahlweise aus Schnellen Reaktoren oder aus subkritischen Transmutationsanlagen. Während letztere noch Forschungsgegenstand sind – siehe das Projekt Myrrha im belgischen Mol –, waren und sind Schnelle Reaktoren in den USA, in Rußland, Frankreich, China oder Indien im Betrieb oder im Bau. Rußland hat gar 2012 seine gesamte langfristige Kernenergiestrategie von herkömmlichen thermischen Reaktoren auf Schnellspaltreaktoren ausgerichtet.

Das alles kommt im Material des Umweltministeriums nicht vor. Es wird verschwiegen. Wäre dies der Hochglanzprospekt eines Interessenverbandes, würde das nicht weiter verwundern. Aber hier geht es um Unterrichtsmaterial, wo Weglassen wesentlicher Informationen schlicht inakzeptabel und eine Manipulation an Lehrern und Schülern ist!

Von der Schule erwarten wir, daß sie unsere Kinder umfassend bildet und ihnen alle relevanten Informationen zukommen läßt. Beschränkung auf Teilaspekte? Wesentliche Teile der Wirklichkeit vorenthalten? Ein schiefes Bild vermitteln? Das geht gar nicht! Jedenfalls nicht in einem Land, das sich noch als Demokratie bezeichnet!

Peter Altmaier

Der schweigende Minister

»So warfen sich in der Diskussion um die Endlagerung radioaktiver Abfälle in Deutschland die Gegner häufig ideologisches und unwissenschaftliches Vorgehen vor«, moniert das Umweltministerium in seinen Hintergrundinformationen. Nun, unwissenschaftlich ist dieses Unterrichtsmaterial allemal, vermutlich auch ideologisch. Für diese These spricht jedenfalls die Posse um den Dual-Fluid-Reaktor und die GreenTec Awards, bei denen ein modernes Kernreaktordesign aus Deutschland entgegen dem Publikumsvotum von den Veranstaltern aus dem Rennen geworfen wurde – aus unverhüllt ideologischen Gründen. Schirmherr der GreenTec Awards ist – oh! – Bundesumweltminister Peter Altmaier. Derselbe Peter Altmaier, der auf Twitter keineswegs mundfaul ist und allerlei Sprüche klopft. Nur zu Fragen nach Atommüllvernichtung durch Transmutation schweigt er beharrlich. Auch auf mehrfaches Nachfragen per Twitter sagt weder ja noch nein. Er sagt auch nicht »ich weiß nicht«, »nie davon gehört, muß mich mal schlau machen« oder »ich mag dazu nichts sagen, weil …«. Der Minister sagt nichts, gar nichts. Minister und sein Ministerium tun so, als ob es das Wort Transmutation gar nicht gäbe.

Das macht mißtrauisch. Was oder wer steckt dahinter? Und warum? Wozu diese Mauer des Schweigens, wenn man das Thema mit ein paar guten Argumenten aus der Welt schaffen könnte? Unwissenheit kann’s nicht sein, denn die Spaltung von Transuranen durch schnelle Neutronen ist keine Geheimwissenschaft, sondern kernphysikalisches Allgemeinwissen.

Cui bono?

Die Frage drängt sich auf: Wem nützt es? Wer hat etwas davon, Transmutation in Deutschland unter den Teppich zu kehren und die Diskussion zu verhindern?

Politisch ist die Sache ein zweischneidiges Schwert. Denn einerseits könnte Altmaier mit einer echten Lösung des Atommüllproblems bei der Bevölkerung unglaublich punkten. Andererseits müßte er zugeben, mit Atomausstieg und Energiewende auf’s falsche Pferd gesetzt zu haben. Denn als Abfallprodukt fallen bei der Transmutation unglaubliche Mengen Energie an. Bei heutigem Verbrauch ließe sich Deutschland 250 Jahre lang zu 100 Prozent mit Strom aus Atommüll versorgen – klimafreundlich, stabil, kostengünstig und bei geringem Flächenverbrauch. Dagegen sähen die mit Milliardenaufwand gerade erst etablierten Photovoltaik und Windkraft reichlich blaß aus. Wiederum andererseits könnte man die gebrauchten Brennelemente nicht wie bei der direkten Endlagerung einfach in der Erde verschwinden lassen. Für die Transmutation müßte man sie aufarbeiten. Davor fürchten sich manche. Aber man sollte wenigstens wissen dürfen, welche Möglichkeiten es gibt. Nur so kann man sachlich und ideologiefrei darüber reden, Chancen und Risiken gegeneinander und gegen die Alternativen abwägen – und meinetwegen auch streiten.

Ganz dicht bei möglichen politischen Gründen liegt die Ideologie. Die hatte ich ja schon oben angesprochen. »Was mit »Atom« oder »Nuklear« zu tun hat, kommt uns nicht ins Haus! Wir sind gegen Atome! Wie bitte? Es hat Vorteile? Es hat einen Nutzen? Völlig egal! Wir wollen das nicht! Und näher beschäftigen damit wollen wir uns auch nicht!«

Vielleicht läuft es aber letztlich doch wieder nur auf’s Geld hinaus. Wer profitiert eigentlich davon, wenn es bei Endlagersuche und Endlagerbau bleibt und der Atommüll nicht vernichtet wird?

So ein Endlager ist nicht umsonst zu haben. Das Ausarbeiten der Kriterien kostet Geld, die Suche gemäß dieser Kritierien kostet Geld und natürlich kostet der Bau des Endlagers auch wieder Geld – sehr viel Geld. Wo geht das eigentlich hin? Neben einem Behördenapparat, der durch diese Aufgabe über Jahrzehnte hinweg beschäftigt gehalten wird, fällt mir spontan die GNS Gesellschaft für Nuklear-Service mbH ein. Sie ist Expertin für nukleare Entsorgung. Unter anderem stellt die GNS die Castor-Behälter her und betreibt das Zwischenlager Gorleben. Hinter der GNS stehen die Energieversorger E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall. Die GNS hält nach eigenem Bekunden wiederum Beteiligungen an zahlreichen Ingenieur- und Bergbauunternehmen.

Kritisch dürften auch die Betreiber von EEG-Anlagen die Atommüllvernichtung sehen. Denn der aus Transmutation gewonnene Strom stünde in direkter Konkurrenz zu dem, was sich aus Solarpaneelen und Windmühlen herausholen läßt, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Im Moment verdienen die EEG-Betreiber zwar sehr gut – Garantiepreise auf Kosten der Allgemeinheit machen’s möglich – aber das hat irgendwann ein Ende. Betreiber sind natürlich nicht nur die Hausbesitzer, die sich eine 10-kW-Anlage auf’s Dach setzen, sondern wiederum auch die Energieversorger.

Vielleicht sollte man dort mal nach Vernetzungen und Verstrickungen suchen – bei Minister Altmaier und bei denen, die ihn beraten.

Und vielleicht bequemt sich Peter Altmaier ja doch mal zu einer Antwort, wenn ihn ganz viele immer wieder fragen, wie er’s mit der Atommüllentschärfung durch Transmutation hält.

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