Schilddrüsenkrebs – Was ist eigentlich normal?

18 von 210.000 bislang untersuchten Kindern in Fukushima hätten Schilddrüsenkrebs, meldete heute der japanische Fernsehsender NHK. Bei 25 Kindern bestünde ein Krebsverdacht; weitere 150.000 Kinder würden noch untersucht.

Die deutschen Medien griffen diese Meldung in bekannter Weise dankbar auf und brachten sie sogleich mit dem Reaktorunglück im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi in Zusammenhang, wie zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung. Sie brachte die Krebserkrankungen und den Austritt radioaktiven Wassers aus einem undichten Tank im selben Artikel. So behauptet die Süddeutsche zwar keinen Kausalzusammenhang, legt ihn aber dem Leser überaus deutlich nahe.

Nun ist diese Sorge ja in der Tat berechtigt. Immerhin kam es nach der Tschernobyl-Katastrophe laut WHO in Weißrußland, Rußland und der Ukraine zu fast 5.000 Schilddrüsenkrebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren.

Im Vergleich dazu erscheint eine Zahl von 18 Erkrankungen recht klein, obwohl jede einzelne für die Betroffenen natürlich mit Angst und Unsicherheit verbunden ist. Immerhin ist Schilddrüsenkrebs sehr gut zu behandeln.

Sind 18 Fälle nun viel oder wenig? Was ist eigentlich normal? Schilddrüsenkrebs tritt ja nicht nur im Umkreis havarierter Kernkraftwerke auf, sondern überall auf der Welt. Wieviele Menschen sind betroffen? Ich habe ein bißchen gegoogelt, einen Strahlenmediziner gefragt und ein paar spannende Fakten entdeckt.

Abbildung 1: Schilddrüsenkrebs: Jährliche Neuerkrankungs- und Sterbefälle sowie altersstandardisierte Neuerkrankungs- und Sterberaten (Europastandard) nach Geschlecht, Deutschland 1980–2004, ICD-10 (Quelle: Robert-Koch-Institut)

Mehr Frauen als Männer

Laut Robert-Koch-Institut erkrankten im Jahr 2005 in Deutschland 3.500 Frauen und 1.500 Männer an Schilddrüsenkrebs. Das sind 7 von 100.000 Frauen und 3 von 100.000 Männern (Abbildung 1).

Abbildung 2: Schilddrüsenkrebsdiagnosen nehmen zwischen 1997 und 2006 am stärksten zu. (Quelle: National Cancer Institute)

Zahl der Erkrankungen steigt Jahr für Jahr

Was Abbildung 1 auch zeigt: Die Zahl der Schilddrüsenerkrankungen steigt von Jahr zu Jahr deutlich an. Bei Frauen ist dieser Trend stärker ausgeprägt als bei Männern. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern eine weltweite Beobachtung. In den USA beispielsweise wächst Schilddrüsenkrebs mit Abstand am stärksten, während andere Krebsart weniger stark zulegen oder gar zurückgehen (Abbildung 2).

Die Ursache für die hohe Zunahme der Schilddrüsenkrebsdiagnosen ist vollkommen unbekannt. Sie liegt jedenfalls nicht nur an verbesserten Diagnosemöglichkeiten.

Überlebenswahrscheinlichkeit steigt

Glücklicherweise läßt sich Schilddrüsenkrebs sehr gut behandeln – je früher erkannt, desto besser. Während die Zahl der Erkrankungen jährlich steigt, geht die Anzahl der Sterbefälle zurück, bei Frauen wiederum ausgeprägter als bei Männern (Abbildung 1).

Ethnische Unterschiede

Deutliche Unterschiede bestehen zwischen verschiedenen Ethnien (früher: Rassen). Unter Weißen in den USA liegt die Schilddrüsenkrebshäufigkeit doppelt so hoch wie unter Schwarzen.

Abbildung 3: Schilddrüsenkrebs (C73), weltweite altersstandardisierte Inzidenzraten, Weltregionen, Schätzungen 2008 (Quelle: Cancer Research UK)

Regionale Unterschiede

Ebenso bestehen Unterschiede in der Schilddrüsenkrebshäufigkeit zwischen verschiedenen Weltregionen (Abbildung 3).

Abbildung 4: Schilddrüsenkrebs (C73), europaweite altersstandardisierte Inzidenzraten, EU-27-Länder, Schätzungen 2008 (Quelle: Cancer Research UK)

Europa

Doch auch innerhalb des vergleichsweise kleinen Europas bestehen von Land zu Land erstaunliche Unterschiede (Abbildung 4).

Und Fukushima?

Die Behörden in der Präfektur Fukushima weisen darauf hin, man könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die Krebserkrankungen auf das Reaktorunglück zurückzuführen sind oder nicht. Das ist unter Berücksichtigung des oben Gesagten wohl plausibel.

Leider geht aus der Meldung aus Japan nicht hervor, auf welchen Zeitraum sich die Zahl der neu erkrankten Kinder bezieht, wie es mit Neuerkrankungen bei Erwachsenen aussieht und wie groß die Grundgesamtheit ist. Sicherlich werden wir in Zukunft noch genauere Daten aus Fukushima bekommen. Doch die jetzt bekanntgewordenen Zahlen lassen keinen Anstieg der Schilddrüsenkrebsfälle um Größenordnungen erkennen, wie ihn manche befürchten.

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12 thoughts on “Schilddrüsenkrebs – Was ist eigentlich normal?”

  1. Mich würde vor allem interessieren, weshalb in Deutschland die Schilddrüsenkrebsrate bei Frauen weiter steigt, bei Männern die Kurve dagegen deutlich abflacht…?!

    1. Ja, in der Tat! Beim Robert-Koch-Institut ist dazu auch nur nachzulesen. »wobei bei den Männern auch demografische Veränderungen eine Rolle spielten« (Verbreitung von Krebserkrankungen in Deutschland – Entwicklung der Prävalenzen zwischen 1990 und 2010, Robert-Koch-Institut, 2010, S. 125). Das wird aber nicht näher ausgeführt und wäre vermutlich auch keine vollständige Erklärung.

  2. Schilddrüsenkrebs kann durch die Aufnahme von 131J entstehen. Jod hat einen niedrigen Siedepunkt von 181°C und so wurde ein erheblicher Teil des Inventars bei den Reaktorunfällen von Tschernobyl und Fukushima als Aerosol freigesetzt. Das Aerosol setzt sich auf Wiesen ab und wird von den Kühen gefressen. Mit der Milch wird dies verzehrt und gelangt in die Schilddrüse.

    In Tschernobyl gab es viele 1000 Schilddrüsenkrebsfälle. Ca. 1000 davon wurden in D behandelt. 1 Patient überlebte nicht (Quelle mein Vater). Insgesamt sollen die durch den Reaktorunfall verursachten Schilddrüsenkrebs 9 Todesfälle gefordert haben (Quelle UNSCEAR 2008).

    In Japan hat man gem. diverser Berichte grosszügig Jodtabletten ausgegeben. Milch ist in Asien weniger populär. Dadurch konnte die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle drastisch reduziert werden.

    Frage: Gem. vieler Quellen ist Schilddrüsenkrebs sehr gut heilbar, die Sterblichkeit sehr gering. ca. 1%o . Wie soll ich die Tabelle lesen?

    1. Und zur radiologischen Behandlung von Schilddrüsenkrebs setzt man ebenfalls Jod-131 ein, also das »böse« I-131. Es ist halt nicht alles schwarzweiß, wie uns die Antiatomiker weismachen wollen, sondern es kommt auf die Dosierung und die Art der Anwendung an. Siehe auch http://www.science-skeptical.de/energieerzeugung/kerntechnik-in-deutschland-das-versagen-einer-lobby/.

      Zu den Tschernobyl-Schilddrüsenkrebsfällen hatte ich einen Satz geschrieben und eine Quelle verlinkt.

      Was ist an der »Tabelle« unklar? Ist Abbildung 1 gemeint? Die dunkelroten bzw. dunkelblauen Balken geben die Zahl der Sterbefälle an und zwar absolut (Maßstab links) und auf 100.000 bezogen (Maßstab rechts).

    2. Ich habe mir die Frage mittlerweile beantworten lassen…..

      Die Heilungschancen hängen massgeblich von der Zeit ab die bis zur Entdeckung vergeht. Darum sind die Heilungschancen in Nordamerika z.B. wesentlich höher als in Deutschland.
      Die Heilungschancen hängen massgeblich vom Alter des Erkrankten ab. Bei älteren Menschen ist Schilddrüsenkrebs regelmässig nicht tödlich. Bei Kindern gut heilbar.

  3. In der Gegend von Fukushima erkranken also prozentual mehr Kinder (!) an Schilddrüsenkrebs als bei uns überhaupt Menschen daran erkranken und du nutzt das als Argument für die Atomenergie? Wahnsinn.

    1. Ob’s bei uns oder in Fukushima prozentual mehr sind, kann ich aufgrund der dürren Datenlage gar nicht sagen und habe das in meinem Artikel auch bewußt nicht getan.

      Drei Punkte dazu:

      Erstens: Falls sich der Trend der Neuerkrankungen seit 2004 weiter fortgesetzt hat, müßten heute die Fallzahlen sowohl bei uns wie auch in Fukushima höher liegen als vor rund 10 Jahren. Bei den Neuerkrankungen aus Fukushima wissen wir leider nicht einmal, ob sie sich auf ein Jahr oder auf zwei Jahre beziehen – ein großer Unterschied!

      Zweitens hat man nie zuvor irgendwo auf der Welt derart gründliche und umfassende Schilddrüsenuntersuchungen bei Kindern durchgeführt. Nach dem Motto »Wer sucht, der findet«, wäre es nicht verwunderlich, hier bei Kindern Schilddrüsenkrebs zu finden, der andernfalls erst später im Erwachsenenalter diagnostiziert worden wäre.

      Drittens besteht ja nachweislich ein Zusammenhang zwischen Schilddrüsenkrebs und Strahlung, genauer: durch radioaktive Belastung der Schilddrüse mit Jod-131, das sich a) in der Schilddrüse konzentriert und b) durch seine kurze Halbwertszeit von 8 Tagen dort in Schilddrüse ein wahres Feuerwerk radioaktiver Zerfälle abbrennt. Das bestreite ich ja gar nicht. Ein Anstieg der Fallzahlen wäre also nicht wirklich verwunderlich.

      Die Frage, die mich interessiert, ist, wie hoch dieser Anstieg tatsächlich ist. Aufgrund der jetzigen Zahlen kann man das noch nicht genau sagen, aber doch immerhin die Größenordnung bewerten. Und danach ist ein Anstieg um das 10fache, 100fache oder 1000fache nicht zu befürchten. Die Prognosen der WHO und der UNSCEAR sagen nichts anderes.

      1. Doch, genau das hast du gesagt. Du wirfst hier – wie du es ja gerne machst – ganz viele Zahlen rein. Da stehen also jetzt die Zahlen aller Erwachsenen aus Deutschland hier und die Zahlen aller Kinder aus der Gegend von Fukushima – und die prozentualen Anteile der letzteren sind höher als die aller Erwachsenen bei uns. Sprich die Gruppe der sagen wir 0-18 jährigen aus Fukushima erkrankt viel häufiger an Krebs als die Gruppe aller Menschen aus Deutschland oder egal welcher anderer Gegend. Das sind die Zahlen die du selbst hier niedergeschrieben hast.

        In der Folge negierst du aber jeden möglichen Zusammenhang und ziehst dich nunmehr sogar auf das „Argument“ zurück, dass man doch sicherlich bei uns auch häufiger diesen Krebs bei Kindern diagnostizieren würde wenn man dann nur suchen würde.

        Das ist vollkommen schräg gedacht, hochgradig zynisch und zeugt von einer totalen selektiven Wahrnehmung nur um „dein“ Weltbild irgendwie zurechtzubiegen.

        1. Ich habe mehrfach darauf hingewiesen, daß die Datenlage dünn ist und wir derzeit nur Aussagen über die Größenordnung machen können. Interessant wäre zum Beispiel die Information, ob sich die Neuerkrankungen in Fukushima auf ein oder zwei Jahre beziehen. Was daran zynisch sein soll, gar »hochgradig zynisch«, kann ich nicht erkennen.

          Ich kann auch nicht erkennen, wo ich »jeden möglichen Zusammenhang negiere«, obwohl ich auf diesen Zusammenhang ausdrücklich hingewiesen habe. Nun ja.

          Wir können gern weitere Daten vergleichen und Interpretationen austauschen, sollten dabei aber sachlich bleiben. Persönliche Vorwürfe und Anfeindungen bringen weder uns noch die wissenschaftliche Erkenntnis weiter.

  4. Jod wirkt in der Überdosierung toxisch. Und die wird schnell erreicht, vor allem in Deutschland, wo durch Zwangsjodierung in fast allen Nahrungsmitteln angereichert wird. Die zulässige Höchstdosis stellt darin ein Mittelwert dar, wobei Einige sehr viel senisbler als andere reagieren. Bei Jod-Einnahme wegen der Strahlenangst, entstehen vermutlich größere Risiken der Jod-Vergiftung – es sei denn, es liegt eine akute Gefährdung vor.

    Tatsächlich häufen sich Schilddrüsen-Erkrankungen und Auto-Immunerkrankungen. Wie stark der Einfluss der Jodierung darin ist, ist bislang wenig untersucht. Der verstorbene Prof. Hotze soll geschätzt haben, dass ein Viertel der deutschen Bevölkerung betroffen ist. Die Diagnosen sind meist aufwendig und die Ärzte zumeist unzureichend darüber informiert. Wenn also nur gering Beeinträchtigungen vorliegen, mag man dies für lässlich halten. Wenn aber vermehrt psychische Erkrankungen, Depressionen, psychopharmakologische Medikationen mit großen Risken und Suizide entstehen, nebst sozialer Ausgrenzung, weil man die Ursachen eben nicht gut diagnostizierte, dann ist das eher als geheime Volkserkrankung zu bezeichnen. In meiner Familie haben wir stärker betroffene Fälle, und aus Rückfragen im Bekanntnenkreis kann man überrascht feststellen, dass wohl kaum die Spitze des Eisbergs bekannt ist.

    Kurz: Atomangst, einschließlich die vor Schilddrüsenkrebs, ist weit verbreitet, meist aber unbegründet. Reale gefahren, die Millionen von Betroffene haben, werden aber systematisch ignoriert.

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