POET Technologies kündigt erste VCSEL-Produktion für 2016 an

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POET Technologies will mit Hilfe des Auftragsfertigers Anadigics 2016 Oberflächenemitter (VCSEL) produzieren. Das gab das Unternehmen am Montag in einer Medienmitteilung bekannt und konkretisierte damit die kürzlich angekündigte »aggressive« Kommerzialisierungsstrategie.

English abstract: With the help of the contract manufacturer Anadigics, POET Technologies wants to produce VCSELs in 2016. The company announced this last Monday in a news release and thereby concretized its „aggressive“ commercialisation strategy, which has been announced earlier.

Die neue Unternehmensstrategie von POET Technologies beschränkt sich offensichtlich nicht auf die reine Vergabe von Lizenzen, sondern schließt auch die Produktion eigener Halbleiterbausteine ein. Mangels eigener Fertigungskapazitäten vergab das Unternehmen einen Produktionsauftrag über Oberflächenemitter (VCSEL) an die Firma Anadigics in Warren, New Jersey.

Das Managementteam habe sowohl eine eigene Herstellung wie auch Outsourcing erwogen, erläutert POETs Executive Co-Chairman Ajit Manocha. Die Entscheidung sei pro Outsourcing gefallen, da die Kommerzialisierung der POET-Technik damit am schnellsten zu erreichen sei.

Anadigics ist seit 30 Jahren auf die Herstellung von GaAs-Bauelementen spezialisiert und verfügt nach eigenen Worten über die weltweit erste VCSEL-Produktionsanlage mit 6-Zoll-Wafern. Diese Wafer machen die Produktion effizienter und kostengünstiger als die sonst üblichen 3″- oder 4″-Wafern, denn aus einem großen Wafer lassen sich mehr Chips gewinnen als aus einem kleinen. Und wer sich an den Mathematikunterricht erinnert, weiß: Ein 6″-Wafer besitzt die vierfache Fläche eines 3″-Wafers. Der Durchlauf eines Wafers durch den gesamten Produktionsprozeß dauert unabhängig von seiner Größe relativ lange, so daß die Vorteile des 6″-Verfahrens umso mehr zu Buche schlagen.

Anadigics baut um

Anadigics besitzt eine Marktkapitalisierung von gerade mal 24 Millionen US-Dollar, schreibt zur Zeit rote Zahlen und strukturiert sich gerade um. In der Vergangenheit machte das Unternehmen den überwiegenden Teil seines Umsatzes mit GaAs-Funktechnik für Mobilgeräte (Radio Frequency, RF). Da dieses Geschäft aber stark rückläufig ist, setzt Anadigics jetzt auf die Herstellung von Infrastrukturkomponenten. In diesem Sinn ist auch die 6″-VCSEL-Initiative zu sehen.

BCC Research prognostizierte 2014 ein Wachstum des VCSEL-Marktes von 361 Millionen US-Dollar (USD) in 2012 auf fast 2,1 Milliarden USD in 2018, was gut 33 Prozent pro Jahr entspricht. Um von diesem Wachstum zu profitieren, stellte Andigics die bereits vorhandene 6″-GaAs-Wafer-Produktionsanlage von RF-Chips auf VCSEL-Produktion um.  Jetzt rühmt sich das Unternehmen, über die weltweite erste 6″-VCSEL-Produktionanlage zu bieten, die nun natürlich ausgelastet werden muß. Vielleicht sollte Anadigics das auch mal auf seine Website schreiben.

POET-VCSEL

»Der Einstieg von Anadigics in die VCSEL-Produktion kam für POET genau zur rechten Zeit«, meint POET-Chef Dr. Suresh Venkatesan und betont neben der großen Erfahrung von Anadigics auch deren Innovationsfähigkeit und die Testmöglichkeiten. Die Foundry-Services von Anadigics entsprächen den »aggressiven Volumen- und Kostenanforderungen« neuartiger VCSEL-Anwendungen.

Was unter diesen VCSEL-Anwendungen zu verstehen ist, verrät POETs Medienmitteilung allerdings nicht. Von »innovativen optoelektronischen Bauelementen« spricht Dr. David Cheskis und bleibt damit ebenfalls schwammig. Cheskis leitet den Bereich Optische Produkte bei Anadigics. Die Anforderungen von POET Technologies hinsichtlich Volumen, Qualität und Zuverlässigkeit könne Anadigics jedenfalls erfüllen.

POET will sein proprietäres Verfahren ab dem vierten Quartal 2015 in die Produktion bei Anadigics übertragen. Im zweiten Quartal 2016 sollen dann integrierte VCSEL-Prototypen vorgestellt werden.

Die Zusammenarbeit mit Anadigics ist das erste konkrete Ergebnis der Verhandlungen zwischen POET Technologies und potentiellen Partnern. Wie berichtet, hatte POET mit einigen Epitaxie-Dienstleistern und Foundry-Partnern bereits Vorverträge abgeschlossen. Anadigics ist der erste Partner, mit dem eine vertragliche Übereinkunft erzielt wurde. Weitere dürften folgen.

Offene Fragen

Wer noch den für Q2 2015 angekündigten  Meilensteinen hinterhertrauert und argwöhnt, POET Technologies habe sie wohl verfehlt, darf sich eines Besseren belehren lassen: Zumindest der VCSEL-Meilenstein wurde offensichtlich erreicht. Nur wird es davon keine Demochips geben, sondern unmittelbar ein kommerziell einsetzbares Produkt.

Wobei die POET-Mitteilung noch nicht von Massenproduktion spricht, sondern zunächst lediglich von funktionsfähigen Prototypen. Andererseits macht die Mitteilung klar, daß POET Technologies definierte Ziele hinsichtlich Volumen, Kosten und Qualität hat. Und ohne die Massenfertigung fest im Blick würde man wohl kaum einen derartigen Aufwand an Zeit und Geld investieren. Aber die offizielle Entscheidung steht halt noch aus.

Wie mir das Unternehmen mitteilte, ist übrigens die bisher kommunizierte Meilensteinbezeichnung „50 GHz VCSEL“ falsch. Es muß richtig „50 Gbps VCSEL“ heißen. Die Einheit lautet also Gbps statt GHz. Gbps steht für Gigabits pro Sekunde und gibt die Übertragungsgeschwindigkeit an. Offenbar werden die von POET Technologies herausgegebenen Texte nicht ausschließlich von Wissenschaftlern geschrieben, die mit den Einheiten keine Schwierigkeiten gehabt hätten.

Daß Journalisten und Politiker physikalische Einheiten durcheinanderbringen und zum Beispiel Mikrosievert pro Stunde (Dosisleistung) mit Mikrosievert (Dosis) verwechseln oder, wie Cem Özdemir, Gigawatt mit Gigabyte, ist leider nichts Ungewöhnliches.  Bedauerlich, daß solch ein Fehler poetintern ebenfalls passierte und lange unentdeckt blieb! Wie auch immer: Mit einem 50-Gbps-VCSEL spielt POET Technologies ganz klar an der Spitze der Oberliga.

Eine Reihe von Fragen bleiben dennoch offen:

  • Was sind die technischen Eigenschaften des oder der VCSEL, die POET Technologies fertigen will? Daß es sich um den Meilenstein-VCSEL mit 50 Gbps handeln könnte, liegt nahe, ist aber nicht offiziell bestätigt. Vermutlich sind nicht einzelne VCSEL geplant, sondern VCSEL-Arrays (siehe unten), aber auch dafür gibt es abgesehen von der Formulierung „integrated VCSEL“ keine offizielle Bestätigung.
  • Wie positionieren sich die POET-VCSEL im Wettbewerb? Gibt es neben der vermuteten hohen Datenübertragungsgeschwindigkeit weitere Vorteile, etwa hinsichtlich Energieverbrauch und Herstellungskosten?
  • Für welche Anwendungen sind die POET-VCSEL gedacht? Wozu eignen sie sich besonders gut? Wozu nicht? Meine Vermutung: POET Technologies dürfte bei der Spezifikation optische Interconnects im Hinterkopf haben.
  • Was sind die kommerziellen Bedingungen der Vereinbarung zwischen POET Technologies und Anadigics? Wer zahlt wieviel an wen und wofür genau? Die Antwort ist vielleicht komplexer als »Anadigics fertigt n Millionen VCSEL und POET Technologies zahlt dafür m Millionen Dollar.« Denn es findet ja auch ein womöglich kostenpflichtiger Know-How-Transfer von POET zu Anadigics statt – Stichwort NRE-Umsatz.
  • Welches VCSEL-Produktionsvolumen strebt POET Technologies für 2016 an? Welchen Umsatz? Welchen Gewinn? Nun, zunächst ist laut POET lediglich an Prototypen gedacht, aber inoffizielle Überlegungen und Kalkulationstabellen zu diesen Fragen gibt es bestimmt.
  • Auf welche Märkte zielt POET Technologies? Fertigt das Unternehmen die VCSEL auf Verdacht? Wohl kaum! Gibt es bereits einen oder mehrere Abnehmer? Eigene Vermarktungsstrukturen dürfte POET wohl nicht aufbauen, denn das läge doch arg abseits des Kerngeschäfts. Könnte POET die Absatzstrukturen eines Partnerunternehmens nutzen? Man sollte auch nicht vergessen, daß die Forderung nach einem 50-Gbps-VCSEL ursprünglich von einem Multimilliarden-Unternehmen stammt, siehe „Video Transcript: POET Technologies at City Investors Circle“ ab 34:40 min. In diesem Zusammenhang geistert stets der Name Apple durch den Raum. Immerhin sitzt Tony Blevins, Einkaufschef des Computergiganten, bei POET Technologies im Technology Roadmap Advisory Board und dürfte das Unternehmen beraten, welcher Bedarf nach welchen Produkten im Markt (lies: bei Apple) bestehen.

Was ist ein VCSEL?

Strahlungscharakteristik von VCSEL, LED und EEL

Abbildung 1: Strahlungscharakteristika von VCSEL, LED und EEL (Quelle: myvcsel.com)

Nachdem wir über POETs VCSEL-Produktion berichtet und spekuliert haben, hier noch eine kurze Beschreibung, worum es sich eigentlich handelt. Das Kürzel VCSEL steht für Vertical-Cavity Surface-Emitting Laser (VCSEL). Ein VCSEL ist ein Halbleiterbauelement, das kohärentes Laserlicht einer bestimmten Wellenlänge senkrecht zu seiner Oberfläche abstrahlt.

Eine andere und viel bekanntere Halbleiterlichtquelle ist die LED (Light Emitting Diode). Im Unterschied zum VCSEL ist der Abstrahlwinkel der LED größer. Vor allem aber emittiert eine LED nicht nur eine einzige Wellenlänge, sondern ein ganzes Spektrum.

VCSEL-Array

Abbildung 2: Zweidimensionales VCSEL-Array (Quelle: myvcsel.com)

Schließlich ist noch der EEL (Edge Emitting Laser) zu nennen. Hier tritt die Strahlung nicht an der Oberfläche des Chips aus, sondern an der Kante. Auch der EEL strahlt wie der VCSEL kohärentes Laserlicht ab. Der Querschnitt des Strahls ist allerdings elliptisch statt punktförmig (Abbildung 1).

VCSEL sind einzeln erhältlich, aber auch als eindimensionales oder zweidimensionales VCSEL-Array (Abbildung 2). Setzt man ein VCSEL etwa zur (Infrarot-)Beleuchtung ein, kann man ein Array verwenden, um eine hohe Lichtleistung zu erzielen. Bei der optischen Datenübertragung läßt sich die Bandbreite durch den Betrieb paralleler VCSEL steigern.

Die Anwendungsmöglichkeiten für VCSEL sind vielfältig:

  • Optische Interconnects
  • Optische Datenübertragung
  • Abstandsmessung
  • Biometrische Sensoren
  • Dreidimensionale Bildaufnahmen
  • Holographie
  • Gestenerkennung
  • Spektroskopie

Weitere allgemeine Informationen gibt es unter http://myvcsel.com/. Das ist eine Website, die der Hersteller Finisar betreibt, und von der auch die hier verwendeten Abbildungen stammen.

Der Aktienkurs

Der Kursverfall durch den Zwangsausstieg des Großaktionärs Pinetree Capital ging am Montag trotz Erscheinens der POET-Mitteilung unter sehr hohem Volumen unvermindert weiter und sorgte für ein neues 52-Wochen-Tief bei 0,62 CAD. Mehr als fünf Millionen Aktien wechselten den Besitzer. Am Dienstag und Mittwoch blieb der Verkaufsdruck aus. Die Aktie erholte sich kräftig und zog um 51,61 Prozent auf 0,94 CAD an. Angesichts der positiven Perspektiven bleibt POET Technologies ein klarer spekulativer Kauf. Mit heftigen Schwankungen sollten Investoren aber weiterhin rechnen. Für schwache Nerven ist diese Aktie nichts.

Quellen


In eigener Sache

Informationen zu POET Technologies zu recherchieren und Blogbeiträge zu schreiben, kostet einiges an Zeit und Aufwand. Ist dir das Ergebnis etwas wert? Dann klicke auf den Flattr-Button unter diesem Artikel und lasse mir einen Betrag als Anerkennung zukommen! Vielen Dank!

Du kannst auch meine Kickstarter-Kampagne zum Besuch der CS International Conference im März 2016 in Brüssel unterstützen. Dr. Suresh Venkatesan (POET Technologies) wird auf der Konferenz die POET-Plattform vorstellen. Dr. David Cheskis (Anadigics) spricht über die VCSEL-Produktion mit 6″-Galliumarsenid-Wafern. Ich werde dank vieler Unterstützer an der Konferenz teilnehmen und berichten. Die Kickstarter-Kampagne läuft noch bis zum 31. August 2015. Wer sich bis dahin mit 25 Euro oder mehr beteiligt, erhält meinen Bericht sofort nach Fertigstellung. Für alle anderen erfolgt die Freigabe erst später.


Bitte beachten Sie die Hinweise zu Risiken und zum Haftungsausschluß!

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