Für POET-Wafer ist gesorgt

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Nach zwei Monaten Sendepause gab POET Technologies in der letzten Woche gleich zwei Mitteilungen heraus. Das Unternehmen informierte über die Halbjahreszahlen, über Fortschritte bei der Kommerzialisierung und über den Rückzug von Dr. Geoff Taylor und Sheldon Inwentash aus dem Verwaltungsrat. Der Aktienkurs blieb weiter auf Talfahrt. Zu Recht? Nein, denn die Nachrichten sind besser als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.

English abstract: After two months of silence, POET Technologies published two news releases last week. The company informed about mid-year financials, progress on commercialization and the resignation of Dr. Geoff Taylor und Sheldon Inwentash from the board of directors. The share price continued tanking. Rightly so? No, since the news are better than they seem to be at first glance.

Lange mußten POET-Aktionäre auf ein Lebenszeichen ihres Unternehmens warten. Nach der Übernahme der Führung durch den neuen CEO Dr. Suresh Venkatesan und den neuen COO Dr. Subhash Deshmukh blieben Nachrichten zunächst aus. Kein Wunder, mußten sich die Neuen doch erst einmal einarbeiten und – ganz wichtig – die bisherige Unternehmenstrategie auf den Prüfstand stellen und mit ihren eigenen Vorstellungen abgleichen. Die beiden bringen Erfahrungen aus der Leitung großer Halbleiterunternehmen mit – Kompetenzen, die POET Technologies bislang fehlten.

Das Ergebnis dieser Überprüfungen liegt noch nicht vor. Venkatesan kündigte an, Ende September Vision, Ziele und eine »beschleunigte Produktumsetzung« zu kommunizieren.

Und damit haben wir den ersten Grund für den weiteren Kursrückgang. Denn die Ansage »Ende September« bedeutet für die Zocker: Bis dahin haben sie vermutlich freie Bahn, können sich tüchtig austoben und die Aktie rauf und runter hetzen.

Pinetree unter Druck

Der zweite Grund für sinkende Kurse steht nicht in den POET-Mitteilungen, hängt aber eng damit zusammen. Ich hatte ja bereits im letzten Blogbeitrag auf die prekäre Lage von Pinetree Capital verwiesen. Die Investmentgesellschaft ist POET-Großaktionär und muß Ende August Schuldverschreibungen über 10 Millionen kanadische Dollar (CAD) zurückzahlen. Offenbar ist aber das nötige Kleingeld noch nicht in der Kasse, denn die Verkäufe gingen zuletzt munter weiter.

Wenn POET-Chef Venkatesan nun erst für Ende September die Bekanntgabe der neuen Unternehmensstrategie ankündigt, dann ist das für Pinetree eine sehr schlechte Nachricht. Denn das Unternehmen kann nun jede Hoffnung begraben, bis Ende August hinreichend viele POET-Aktien zu halbwegs attraktiven Kursen verkaufen zu können.

Solange Pinetree die benötigten 10 Mio. CAD nicht beisammen hat, werden die Verkäufe weitergehen. Das Fatale: Die Verschuldung Pinetrees darf einen bestimmten Anteil des Nettoanlagevermögens nicht überschreiten. Falls dies doch geschieht, sind die Schulden soweit  zurückzuführen, bis das Verhältnis wieder stimmt. Dazu muß Pinetree Aktien verkaufen. Diese Verkäufe bewirken jedoch Kursrückgänge, was zu einem sinkenden Nettoanlagevermögen führt. Sinkt das Nettoanlagevermögen, steigt aber der Verschuldungsgrad im Verhältnis an, folglich sind weitere Verkäufe nötig. Das geht solange weiter, bis die Schulden bezahlt sind oder Pinetree pleite ist.

Pinetrees Gläubiger werden sich übrigens durch mögliche künftige gigantische Kursgewinne von POET Technologies nicht davon überzeugen lassen, mit den Rückzahlungen zu warten. Denn davon hätten sie keinerlei Nutzen. Die Gläubiger erhalten maximal 100 Prozent ihres Kapitals plus Zinsen zurück. Wenn sie diesen Betrag durch sofortige massive Abverkäufe zu niedrigen Kursen realisieren könnten, warum sollten sie warten? Und wenn dadurch eine ausgeblute Pinetree Capital zurückbleibt: Den Gläubigern kann das völlig egal sein.

Natürlich gibt es keine verbindliche Bestätigung dafür, daß wirklich Pinetree der Verkäufer ist, aber eine andere plausible Erklärung für die gewaltigen Umsätze gibt es nicht.

Bye, bye, Sheldon!

Für POET-Aktionäre sind die gegenwärtigen Kurse natürlich alles andere als schön. Immerhin können sie sich damit trösten, daß der Kursrückgang nichts mit Problemen ihres Unternehmens zu tun hat. Im Gegenteil, POET Technologies steht so gut da wie nie zuvor, wie wir noch sehen werden. Die Probleme liegen bei Pinetree, nicht bei POET. Daher wird die jetzige Phase ein Ende haben und zwar vermutlich in den nächsten zwei Wochen. Bis dahin gilt es, die Aktien zusammenzuhalten und vielleicht günstig nachzukaufen. Das sehen andere wohl auch so, denn auf dem niedrigen Niveau um CAD 1,00 herum ist großes Kaufpotential vorhanden. Das ist schon erstaunlich, denn an manchen Tagen gingen mehr als zwei Millionen Aktien über den Tisch.

Allerdings sollte man jetzt schon im Blick haben, daß im September knapp 10 Millionen Warrants und Optionen fällig werden. Das dürfte auch noch einmal zu Belastungen führen. Danach ist bis Februar von dieser Seite her aber erstmal Ruhe.

Während Pinetree unfreiwillig dabei ist, sich aus der Riege der POET-Großaktionäre zu verabschieden, bekam auch Sheldon Inwentash den Stuhl vor die Tür gestellt. In einer dürren Mitteilung gab POET Technologies bekannt, Inwentash sei aus dem Board of Directors zurückgetreten, „to spend more time building his business“, um mehr Zeit für sein Geschäft zu haben – was auch immer dies sein mag.

Man kann das englische Wort business aber auch mit Angelegenheiten übersetzen. Dann bekommt die POET-Mitteilung eine doppelte Bedeutung. Ich lese sie so, daß man Inwentash nahegelegt hat, er möge sich doch bitte künftig um seinen eigenen Kram kümmern. Sein Rücktritt dürfte keineswegs freiwillig erfolgt sein, hatte Inwentash doch noch im Vorfeld der Hauptversammlung drei Millionen Warrants ausgeübt, um sich durch genügend Stimmen seine Wiederwahl in den Verwaltungsrat zu sichern. Die Rücktrittsmitteilung kennt kein Wort des Dankes an Inwentash – wofür auch, hatte er seinen Direktorenposten doch nur aufgrund der hohen Anzahl POET-Aktien bekommen, die er als Pinetree-Chef und privat kontrollierte.

Ist dieser Rücktritt der dritte Aspekt, den man negativ interpretieren kann? Einige tun das und fürchten, Sheldon Inwentash könne nun verärgert seine POET-Aktien auf den Markt werfen. Damit rechne ich aber nicht. Denn mag er sich noch so sehr über seinen Rauswurf ärgern, sein Gewinnstreben ist allemal größer als jede denkbare Verärgerung. Unter finanziellem Druck steht er nicht, soweit bekannt ist. Kein Wunder, hat er sich doch in seiner Zeit als Pinetree-Chef überaus üppige Gehälter gezahlt!

Aus meiner Sicht ist der Rauswurf Inwentashs eine gute Nachricht, denn mit Pinetree und Inwentash ist POET Technologies jetzt die zwei schwarzen Flecken der Unseriosität auf seiner ansonsten weißen Weste los. Inwentash und Pinetree stehen für hochriskante Anlagen und Zockerei. Sicher, es war nicht zuletzt Pinetree- und Inwentash-Geld, das 2012 die damalige OPEL Solar und heutige POET Technologies vor dem Ruin gerettet hat. Aber letztlich war auch dies nur ein Zock, der »zufällig« aufgegangen ist. Dem Ansehen von POET Technologies wird es guttun, Pinetree und Inwentash nicht mehr in der Selbstdarstellung des Unternehmens nennen zu müssen.

Man mag bedauern, daß Sheldon Inwentash seinen Handel in POET-Aktien nun nicht mehr offenzulegen braucht. Andererseits ist er jetzt nicht mehr näher am Unternehmen dran als der gemeine Kleinanleger.

Unter dem Radar

Der vierte Grund, aus dem die POET-Mitteilung zu den Halbjahreszahlen nicht bei jedermann gut ankam. Wie schon in der Vergangenheit hält POET Technologies den Ball sehr flach und bringt Fortschritte und strategische Änderungen nur verklausuliert herüber. Wer die Bekanntgabe einer Partnerschaft mit einem bekannten Unternehmen erwartet hatte – zum Beispiel mit Apple –, wurde enttäuscht. Kurzfristig wieder nichts Sensationelles und mittelfristig – ja, was denn eigentlich?

So richtig klar wird das nicht, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Schon die Überschrift – auf Deutsch etwa »POET Technologies veröffentlicht Zwischenbericht zum 30. Juni 2015« – klingt langweilig und unspannend, läßt nichts Aufregendes erwarten und schreckt Journalisten und mögliche Wettbewerber vom Lesen ab. Ich denke, POET Technologies macht das ganz bewußt, um möglichst lange möglichst unbekannt zu bleiben, eine Vorgehensweise, die auch als »Fliegen unter dem Radar« oder »Stealth Mode« bekannt ist. Sinn und Zweck ist es, Wettbewerber so weit es geht im Unklaren zu lassen. Selbst wenn Wettbewerber der POET-Technik nichts Ebenbürtiges entgegenzusetzen vermögen, so könnten sie dennoch POET Technologies verunglimpfen oder anderweitig Knüppel zwischen die Beine werfen. Es gilt also, sehr vorsichtig zu sein und brisante Informationen möglichst unter dem Deckel zu halten. Dem steht die Publizitätspflicht als börsennotiertes Unternehmen entgegen. Aber nichts hindert POET daran, spannende Themen hinter nichtssagenden Überschriften und in umständlichen Formulierungen zu verstecken.

Für POET-Wafer ist gesorgt

Wer sich von der langweiligen Überschrift nicht abschrecken läßt, entdeckt im Text viel mehr, als der Titel erwarten läßt. Da ist zum Beispiel die Information, daß es nun schneller in Richtung Kommerzialisierung gehen soll. Gut, das hat der POET-Aktionär schon öfter gehört und ist entsprechend skeptisch. Doch dann ist zu lesen:

Das Unternehmen hat erstmals Vereinbarungen mit kommerziellen Epitaxie-Dienstleistern über die Lieferung von Wafern getroffen, die mit dem einzigartigen, proprietären POET-Stack beschichtet sind.

Wafer

Abbildung 1: GaAs-Wafer (symbolisch)

Das ist meiner Ansicht nach die spannendste Aussage der gesamten POET-Mitteilung. Sie ist ausgesprochen positiv, bedarf aber einer näheren Erklärung.

Grundlage des POET-Verfahrens sind Galliumarsenid-Wafer, Scheiben aus einkristallinem, hochreinem Galliumarsenid (GaAs). Solche GaAs-Wafer sind bei verschiedenen Herstellern erhältlich. In Deutschland produziert etwa die Freiberger Compound Materials GmbH im sächsischen Freiberg GaAs-Wafer in Größen zwischen 3″ und 20″. Abbildung 1 zeigt einen solchen Wafer symbolisch.

Für die Herstellung von Halbleiterbauelementen wie beispielsweise Laserdioden oder Oberflächenemittern wird der Wafer epitaktisch beschichtet. Verfahren wie metallorganische Gasphasenepitaxie (MOVPE), metallorganische chemische Gasphasenabscheidung (MOCVD) oder Molekularstrahlepitaxie (MBE) bringen hauchstdünne Schichten unterschiedlicher Materialien auf dem GaAs-Wafer auf. Abbildung 2 zeigt das Ergebnis symbolisch. Allerdings sind die Schichten in der Realität um ein Vielfaches dünner. Viele Dienstleister bieten epitaktische Beschichtungen von GaAs-Wafern an, in Deutschland beispielsweise die Jenoptik AG.

Beschichteter Wafer

Abbildung 2: Beschichteter GaAs-Wafer (symbolisch)

Das Geheimnis der POET-Technik steckt zu einem wesentlichen Teil in den epitaktischen Schichtstrukturen auf den GaAs-Wafern. POET Technologies kaufte bislang unbeschichtete GaAs-Wafer ein und beschichtete diese per Molekularstrahlepitaxie (MBE) im Hochvakuum. POET besitzt dazu eine Anlage im Labor in Storrs. Der POET-Stack besteht allerdings nicht nur aus einigen wenigen Schichten, wie sie in Abbildung 2 zu sehen sind. Vielmehr manifestiert sich die jahrzehntelange Forschungsarbeit des Dr. Geoff Taylor in 87 unterschiedlichen, wohldefinierten Schichten auf dem Galliumarsenid-Substrat.

POET Technologies läßt uns nun wissen, das Unternehmen habe mehrere kommerzielle Epitaxie-Beschichter ins Boot geholt, die POET-Wafer liefern sollen. Da stellt sich die Frage: Wer braucht diese Wafer eigentlich? Das POET-Labor? Klar, das Labor hat Bedarf, und es vereinfacht die Sache, wenn das Team die Wafer nicht mehr selbst zu beschichten braucht, sondern industriell vorgefertigte und wahrscheinlich qualitativ höherwertig beschichtete Wafer verwenden kann. Aber braucht man für die Versorgung des Labors gleich mehrere Dienstleister? Sicherlich nicht. Und wenn das Team mit Beschichtungsvariationen experimentieren will, geht das ohnehin nur mit Epitaxie in Eigenregie. Das Labor könnte nicht einmal einen einzigen Produzenten sinnvoll auslasten.

Im Lab-to-Fab-Projekt bei BAE Systems in Nashua sieht es anders aus. Ich kenne keine Einzelheiten, aber vermutlich finden dort Testläufe statt, die eine etwas größere Stückzahl epitaktisch beschichteter Wafer erfordern. Doch auch hier wird der Bedarf kaum hoch genug sein, um mehrere Zulieferer unter Dampf zu halten.

Nein, der Bedarf kommt von anderer Stelle. Dazu sagt die POET-Mitteilung:

Wir führen umfassende Gespräche mit einer Reihe potentieller Foundry- und Epitaxie-Partner. Mit einigen dieser Unternehmen haben wir kürzlich Absichtserklärungen unterzeichnet und gehen davon aus, daß weitere folgen werden. Dies dürfte den Lab-to-Fab-Übergang beschleunigen und unser Unternehmen unter Verwendung modernster Prozesse in definierten kommerziellen Märkten erfolgreich machen.

Aha, Foundry-Partner! Das paßt und ergänzt sich: Epitaxie-Partner liefern POET-Wafer in größeren Mengen, und Foundries produzieren daraus POET-Bauelemente. Und POET Technologies ist überall dabei und hält die Hand auf. Zwar läuft noch keine Produktion, noch existieren keine festen vertraglichen Beziehungen, aber dank Absichtserklärungen ist POET Technologies auf bestem Weg dorthin. Namen werden bis zu verbindlichen Vertragsabschlüssen natürlich nicht genannt.

Optische Interconnects helfen Highend-Siliziumchips

Rätseln dürfen wir, was als erstes Produkt hergestellt werden soll, und was POET Technologies unter »definierten kommerziellen Märkten« versteht. Doch das bleibt nebulös. Suresh Venkatesan freut sich laut Mitteilung zwar, mit »etablierten Unternehmen« sowohl auf der Epitaxie- wie auf der Foundry-Seite zusammenzuarbeiten, trägt aber nicht wirklich zur Erhellung bei. Er fährt fort:

»Wir konzentrieren uns auf die Monetarisierung unserer Technik in bestehenden, ausgewiesenen Wachstumsmärkten, in denen bahnbrechende technische Innovationen wesentliche und nachhaltige Wettbewerbsvorteile bringen.«

Klingt super! Wo ist meine Buzzword-Bingo-Karte?

Vieles bleibt zwar noch unkonkret und verborgen, dennoch läßt sich bereits eine grobe Marschrichtung ausmachen. Medienmitteilung und Managementanalyse geben deutliche Hinweise auf die kurzfristige Unternehmenstrategie:

  • Optik und optische Interconnects werden eine zentrale Rolle spielen.
  • POET Technologies will die Siliziumtechnik (zunächst) nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Die aktuelle Siliziumtechnik stößt immer mehr an ihre Grenzen, erläutert das Unternehmen. Trotz aller Fortschritte bei modernen Prozessen sind die Kupferverbindungen zwischen Chips auf derselben Platine Flaschenhälse, die die Bandbreite begrenzen und viel Strom verbrauchen. Um das Potential der heutigen Highend-Siliziumtechnik wirklich auszureizen, müssen statt elektrischer Verbindungen optische Interconnects her.  Optische Datenverbindungen gibt es seit Jahren sowohl für weite Distanzen als auch von Computer zu Computer innerhalb von Rechenzentren. Was fehlt, sind optische Verbindungen von Chip zu Chip innerhalb eines Computers.

POET Technologies hat dafür eine Lösung entwickelt. Dabei fungiert ein POET-Chip als optisches Interface zwischen einem Silizium-Chip und seiner Außenwelt. Der POET-Chip wird unmittelbar auf den Silizium-Chip montiert, und eine von POET Technologies patentierte Technik sorgt für eine innige Verbindung zwischen den beiden. Langfristig kann man diese Kombination durch einen einzigen reinrassigen POET-Chip ersetzen, der sowohl das optische Interface wie auch die elektronischen Funktionen abdeckt. Kurzfristig läßt sich aber die Kombilösung schneller realisieren.

Es ist ein interessanter strategischer Schwenk, den POET Technologies hier vollzieht! Stand bislang PET im Vordergrund, also die POET-Technik ohne die optische Komponente, so sieht das neue Management die Prioritäten genau anders herum: Statt schneller Elektronik bringt POET Technologies zuerst die Optik auf den Markt. Schnelle, stromsparende Elektronik folgt dann irgendwann später.

Das ist recht geschickt, denn auf diese Weise vermeidet die winzige POET Technologies den Konflikt mit Silizium-Giganten wie Intel, TSMC, Samsung und wie sie alle heißen. POET Technologies, beziehungsweise die POET-Kunden, treten nicht mit Konkurrenzprodukten gegen die Großen an, sondern bieten stattdessen eine sinnvolle und willkommene Ergänzung, die die Siliziumchips der Halbleiterplatzhirsche ins beste Licht rückt und durch hohe Datenübertragungsraten das volle Potential moderner Highend-Siliziumchips erschließt. Wenn POET Technologies sich damit erst einmal am Markt etabliert hat, kann man weitersehen.

Adé, Meilensteine!

Das Wort »PET« taucht konsequenterweise in der Medienmitteilung gar nicht und in der Managementanalyse nur noch an einer einzigen Stelle auf, nämlich dort, wo POET den bisherigen, öffentlich kommunizierten Meilensteinen den Abschied gibt:

Die geplanten Meilensteine PET-PDK, elektrischer 100-nm-Ringoszillator und 50-GHz-VCSEL werden durch marktrelevante und produktgetriebene Meilensteine ersetzt, die das kommerzielle Potential maximieren.

Erst macht POET Technologies ein Gewese um diese Meilensteine, dann verzögern sie sich mehrfach, dann hört man lange gar nichts mehr davon, und nun fallen sie komplett weg. Wenn das nicht der fünfte Negativaspekt ist!

Ich sehe das anders. Denn POET hat die Meilensteine ja nicht gestrichen, weil das Team unfähig gewesen wäre, diese Ziele zu erreichen, sondern hat sie durch Besseres ersetzt.

Die Meilensteine 100-nm-Ringoszillator und 50-GHz-VCSEL waren ursprünglich als reine Demochips geplant, an denen POET kein Geld verdient hätte. Lösungen, die nicht nur der Veranschaulichung dienen, sondern als »marktrelevante und produktgetriebene Meilensteine das kommerzielle Potential maximieren«, sind da natürlich besser. Denn sie belegen neben der Tauglichkeit der POET-Technik auch ihre kommerzielle Verwertbarkeit und bringen unmittelbar Geld in die Kasse.

Von diesen neuen, kommerziell getriebenen Meilensteinen hat POET Technologies den »Switching VCSEL« offensichtlich bereits erreicht. An die große Glocke wurde das nicht gehängt – Stichwort »Stealth Mode«. Jedenfalls taucht der VCSEL in der Managementanalyse als neuer Punkt unter den in den letzten 19 Monaten erreichten Meilensteinen auf. Der Switching VCSEL ist laut POET eine optische Schlüsselkomponente bei der Herstellung optoelektronischer Transceiver in Chips und verändert das gängige Paradigma analoger Laser und Detektoren.

Mit dem neuen Fokus auf optischen statt auf elektronischen Lösungen ist der (elektronische) Ringoszillator im Moment weniger interessant. Und statt das PET-PDK fertigzustellen, mit dem Chipdesigner rein elektronische Lösungen in POET-Technik hätten entwickeln können, wird POET Technologies vermutlich zu einem späteren Zeitpunkt das vollständige POET-PDK herausgeben, das neben den elektronischen auch die optischen Bausteine enthält. Der in der Vergangenheit auf die Meilensteine verwendete Aufwand ist nicht verloren, die Ergebnisse treten aber gegenüber den Optik-Zielen fürs erste in den Hintergrund.

Geoff Taylor: weniger Zeit in Meetings, mehr Zeit im Labor

Der sechste Aspekt der POET-Mitteilung, den der eine oder andere negativ deuten könnte, ist der Rückzug des Chefwissenschaftlers und POET-Erfinders Dr. Geoff Taylor aus dem Verwaltungsrat. Ist das der erste Schritt in den Ruhestand? Taylor ist immerhin 70 Jahre alt; vielleicht will er das Leben etwas ruhiger angehen lassen.

Aber nein, Taylor hat andere Ambitionen. Der Mann ist Wissenschaftler mit Leib und Seele und will das tun, was er am besten kann und worin er seine Hauptaufgabe sieht: im Labor stehen und die POET-Plattform weiterentwickeln. Der technische Sachverstand ist im Board of Directors ja nun durch Suresh Venkatesan vertreten, der laut Taylor bereits bedeutsame und aufregende Ideen zur POET-Weiterentwicklung eingebracht habe. Taylor kann sich also beruhigt aus dem Gremium verabschieden. Er erläutert: »Auch künftig werde ich das Board beraten und für technische Verbesserungen sowie für den Einsatz in neuen Anwendungsfeldern eng mit Suresh zusammenarbeiten.  Je stärker wir unseren Blick auf die Kommerzialisierung richten, desto mehr sind Suresh und ich vom Potential und von den möglichen Anwendungen der bahnbrechenden POET-Plattform überzeugt. Wenn ich meine Aufgaben im Verwaltungsrat jetzt an Suresh abgebe, bleibt mir mehr Zeit, um an neuen Techniken und neuen Produktanwendungen zu arbeiten.«

Anders als Sheldon Inwentash ist Geoff Taylor der Dank des Verwaltungsrats gewiß: »Dr. Taylors Innovationen und messerscharfen Erkenntnisse fanden ihren Ausdruck und Höhepunkt in der POET-Plattform, die hinsichtlich Kosten und Energieverbrauch umwälzende Veränderungen gegenüber heute vorherrschenden Lösungen verspricht. Im Namen des Boards danke ich Geoff für alles, was er über die Jahre geleistet hat«, sagt Dr. Venkatesan. »Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit mit Geoff bei der Umsetzung der Technik in Produkte. Er wird weiterhin aktiv an der Entwicklung von Technik und Produkten mitwirken. Als Leitender Technischer Berater bleibt er für das Managementteam die wichtigste Inspirationsquelle für Innovationen.«

Nach dem Ausscheiden von Taylor und Inwentash aus dem Verwaltungsrat stellt sich die Frage, ob beziehungsweise mit wem und wann die freigewordenen Plätze besetzt werden.

POET-Finanzen im grünen Bereich

Wer mag, kann als siebten Negativpunkt für das erste Halbjahr 2015 den Verlust von 5 Millionen US-Dollar (USD) oder 3 US-Cent pro Aktie notieren. Aber solange ein Unternehmen nur Forschung und Entwicklung betreibt und noch keine Umsätze macht, sind Verluste eine unausweichliche Selbstverständlichkeit und kein Grund zur Besorgnis. Interessanter ist, wie lange die Finanzmittel ausreichen und wann das Unternehmen frisches Geld benötigt.

POET Technologies hatte zum 2015-06-30 rund 15 Mio. USD in der Kasse und damit vier Mio. mehr als zum Jahresende 2014. Die Verbindlichkeiten betrugen lediglich 0,5 Mio. USD. Die Ausgaben stiegen im ersten Halbjahr 2015 in allen Bereichen an, unter anderem durch Neueinstellungen, Zahlungen an BAE Systems für den Lab-to-Fab-Übergang und leider auch durch erhebliche Überstunden, die die Mitarbeiter im Zusammenhang mit der Fehlkalibrierung der neuen Sputter-Anlage leisten mußten. Dieses Problem war durch eine Drittfirma verursacht worden und konnte erst gegen Ende des ersten Quartals gelöst werden.

Künftig werden die Ausgaben weiter steigen. »Schuld« daran sind nicht nur der neue COO und der neue CEO, sondern POET Technologies plant weitere Einstellungen, unter anderem einen Vice President Technology Development und einen Vice President Product Development and Engineering. Außerdem wird POET weiterhin Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben.

Auf Basis der aktuellen Planungen reicht das Geld bis einschließlich 2016. POET Technologies will die Monetarisierung der POET-Plattform einerseits »aggressiv« weiterverfolgen, kann dies aber andererseits mit Blick auf die finanzielle Situation mit einer gewissen Gelassenheit tun und hat es nicht nötig, faule Kompromisse zu schließen. Gleichzeitig entwickelt das Unternehmen das POET-Verfahren und sein Patent-Portfolio beständig weiter.

Quellen


In eigener Sache

Informationen zu POET Technologies zu recherchieren und Blogbeiträge zu schreiben, kostet einiges an Zeit und Aufwand. Ist dir das Ergebnis etwas wert? Dann klicke doch auf den Flattr-Button unter dem Artikel und lasse mir einen Betrag als Anerkennung zukommen! Vielen Dank!

Du kannst auch mein Kickstarter-Projekt zum Besuch der CS International Conference im März 2016 in Brüssel unterstützen. Dr. Suresh Venkatesan wird auf der Konferenz sprechen und die POET-Plattform vorstellen. Ich möchte teilnehmen und darüber berichten. Wenn du dich bis zum 31. August 2015 mit 25 Euro oder mehr beteiligst, erhältst du meinen Bericht sofort nach Fertigstellung. Für alle anderen erfolgt die Freigabe erst später.


Bitte beachten Sie die Hinweise zu Risiken und zum Haftungsausschluß!

4 thoughts on “Für POET-Wafer ist gesorgt”

  1. Venkatesan sagte, er wolle Ende September über POETs Zukunft sprechen. Der Termin mag stimmen, aber der Termin lenkt ab, lenkt ab von der Gegenwart. Ich halte es für wahrscheinlich, dass wir vorher noch etwas über die Gegenwart hören – aber ja doch, über das aktuelle Produkt.

  2. Kleine Ergänzung: Das war es noch nicht – es dürfte in den nächsten Wochen noch „ein weiteres Ding“ kommen. Synopsys und BAE haben in den letzten Monaten nicht „nichts“ getan.

    1. Das denke ich auch. Der Deal mit Anadigics (Blogbeitrag ist noch in der Mache) zählt ebenfalls dazu.

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