Warum Kernenergie?

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich für Kernenergie bin. Hier meine Antworten.

Kernkraftwerk Leibstadt, Schweiz (Quelle: swissnuclear)
  • Weil Kernenergie das geringste Risiko aufweist. Entgegen landläufiger Meinung ist Kernenergie unter sämtlichen (!) Energieträgern – also inklusive Sonne und Wind – derjenige, der die wenigsten Opfer pro erzeugter Strommenge fordert.
  • Weil Kernenergie jederzeit zuverlässig Strom liefert. Fossile Energieträger (Kohle, Öl, Gas) können das zwar auch, sind aber weitaus umwelt- und gesundheitsschädlicher. Auch Wasserkraft leistet eine zuverlässige Versorgung, doch gibt es in Deutschland zuwenig davon. Ob und wieviel Strom Wind- und Solarenergie liefern, hängt von Tageszeit und Wetter ab. Zuverlässigkeit suchen wir hier vergebens.
  • Weil Kernenergie nicht die Luft verschmutzt.
  • Weil Kernenergie fast kein CO2 emittiert. Wem das Klima am Herzen liegt, wer den weltweiten CO2-Ausstoß schnell und wirksam eindämmen will, braucht Kernenergie.
  • Weil Kernenergie mit wenig Platz auskommt. Wind- und Solarenergie brauchen riesige Areale (und sehr viel Material, siehe unten), um die diffuse Energie aus Sonne und Wind einzusammeln.
  • Weil Kernenergie die Ressourcen schont. Erneuerbare Energien haben einen gewaltigen Materialverbrauch. Sie verbrauchen zwar im Betrieb keine Brennstoffe, aber sehr viele Rohstoffe zur Konstruktion.
  • Weil Kernenergie sehr wenig Brennstoff benötigt. Die Energiedichte in Kernbrennstoffen ist ungeheuer hoch – ungefähr zwei Millionen mal höher als in Benzin oder Kohle. Daher kommt man mit sehr viel weniger Brennstoff aus, um die gleiche Menge Strom zu erzeugen.
  • Weil Kernenergie über praktisch unendliche Brennstoffvorräte verfügt. Heutige Reaktoren nutzen fast ausschließlich Uran-235, dessen bekannte Vorräte für gut 100 Jahre reichen. Moderne Reaktoren nutzen auch das reichlich vorhandene Uran-238 und Thorium-232. Langlebiger, hochradioaktiver Atommüll und abgereichertes Uran werden zu Brennstoff. Das reicht länger als die vermutete Lebensdauer der Sonne. Kernenergie ist erneuerbare Energie.
  • Weil Kernenergie preiswert ist.
  • Weil Kernenergie Atommüll als Brennstoff nutzen kann. Für Kernreaktoren der nächsten Generation ist der langlebige, hochaktive Abfall aus Leichtwasserreaktoren kein Müll. Er ist Brennstoff, der noch 96 Prozent der ursprünglichen Energie enthält.
  • Weil Kernenergie skalierbar ist. Gerade in den Schwellenländern wächst der Energiebedarf rasant. Da Kernkraftwerke sehr wenig Platz brauchen (siehe oben) und der Brennstoff billig und praktisch unerschöpflich ist (siehe oben), kann Kernenergie mit dem Energiebedarf mitwachsen. Mit fossilen Energieträgern wie vor allem Kohle geht das nur begrenzt und ist mit gravierenden Umweltschäden verbunden, siehe China. Mit erneuerbaren Energien geht es gar nicht.
  • Weil Kernenergie effizient ist. Vergleicht man die Energie, die man insgesamt aus einem Kraftwerk herausholt, mit der Energie, die man für Bau, Betrieb und Rückbau hineinstecken muß, ergibt das den energetischen Erntefaktor (EROI). Bei Kernenergie ist er mit Abstand am besten – und kann bei künftigen Reaktortypen noch weit besser sein.
  • Weil Kernenergie standortunabhängig ist und dezentrale Stromerzeugung ermöglicht. Kernkraftwerke unterschiedlicher Leistungsklassen lassen sich fast überall errichten. Flugzeugträger, Eisbrecher oder U-Boote lassen sich sinnvoll nur durch Kernreaktoren antreiben. Mikroreaktoren oder schwimmende Kernkraftwerke können abgelegene Siedlungen und Industrieanlagen versorgen.
  • Weil Kernenergie bzw. Kerntechnik wichtige Isotope für die Nuklearmedizin liefert. Für die Diagnose und Therapie von Krebs und anderen Krankheiten sind Patienten weltweit angewiesen auf künstlich hergestellte radioaktive Isotope wie Technetium-99m.
  • Weil Kernenergie unabhängig macht. Die Kernbrennstoffe Uran und Thorium sind trotz unterschiedlicher Konzentration überall in der Erdkruste vorhanden. Krieg um Öl wird überflüssig.
  • Weil Kernenergie weit mehr kann als Stromerzeugung. Weitere Anwendungen sind zum Beispiel Fern- und Prozeßwärme, Meerwasserentsalzung, Schiffs- und U-Boot-Antriebe, Herstellung synthetischer Kraftstoffe (Synfuel), Weltraumflug.

Weil ich für Kernenergie bin, engagiere ich mich in der Nuklearia.

8 thoughts on “Warum Kernenergie?”

  1. Einen Punkt würde ich noch ergänzen:
    Weil Kernenergie standortunabhängig ist.

    Ein Kernkraftwerk kann man praktisch überall hinstellen. Manche Standorte sind etwas wirtschaftlicher als andere aber speziell kleine Kernkraftwerke lassen sich wirklich praktisch überall sicher errichten, Kernreaktoren eignen sich auch zu Antrieb von Schiffen und insbesondere von U-Booten. Besonders letzteres ist eine beeindruckende Anwendung in der keine andere Energiequelle eine echte Alternative ist. Beim mobilen Einsatz kommt der geringe Brennstoffverbrauch zu tragen: ein Schiff mit Atomantrieb muss maximal alle paar Jahre seinen Kernbrennstoff erneuern während ein konventionelles Schiff gleicher Größe abenteuerliche Mengen Treibstoff frisst und ein U-Boot zudem häufig auftauchen muss.

    Ein besonders eindrucksvolles Beispiel sind hier etwa die neuen Britischen Atom-U-Boote der Astute Klasse mit ihren Rolls-Royce-PWR-2 Reaktoren mit „H-Core“ (20,2MW) die während einer geplanten Dienstzeit von mehr als 20 Jahren nie (!) mit neuem Brennstoff versorgt werden müssen. Ein entsprechender Reaktorkern wurde auch bei der Vanguard-Klasse nachgerüstet.

    Aus politischen Gründen konnte sich der Nuklearantrieb von zivilen Schiffen und die Nukleare Energieversorgung abgelegener Regionen zwar bisher nur in Russland durchsetzen dennoch ist er eine interessante Zukunftsoption.

    Die Kernenergie steht damit insbesondere in krassem Gegensatz zu den „erneuerbaren“ Energien: Wasserkraft gewinnt man nur an Flüssen, die Sonne scheint nicht überall gleich oft und/oder stark und ähnliches gilt auch für den Wind. Auch nötige Speicherkraftwerke, insbesondere aber nicht ausschließlich Pumpspeicher, lassen sich nicht oder nur mit enormem Aufwand und Flächenverbrauch standortunabhängig errichten.

    Chemische, fossile Brennstoffe sind zwar auch mehr oder weniger standortunabhängig aber der Treibstoffverbrauch ist natürlich um viele Größenordnungen höher und damit die Treibstoffversorgung aufwendiger, teurer (und braucht am Ende auch selbst erhebliche Mengen Treibstoff).

    Bei gewöhnlichen Großkernkraftwerken bedeutet die Standortunabhängigkeit weniger spektakulär wenigstens das die Energie relativ „dezentral“ (paradoxerweise hört man diesen Begriff öfter in Zusammenhang mit den „erneuerbaren“) dort bereitgestellt werden kann wo sie gebraucht wird was den Bedarf für teure Überlandleitungen senkt und die Zuverlässigkeit des Stromnetzes steigert.

      1. Ich würde noch etwas hinzufügen, was vielleicht im Widerspruch zu Dominiks Beitrag stehen mag, aber bei näherem Hinsehen nicht wirklich. Und zwar:

        „Weil nur die Kernenergie das (nachweislich unlösbare) Problem der Stromspeicher für den EE-Strom schultern kann“

        Zunächst eine Zwischenbemerkung: Ein Nebeneinander oder gar ein Miteinander von Kernenergie und EE? Ja, das meine ich durchaus ernst und zwar aus zweierlei Gründen. Erstens, weil man damit die Besser-Ökos so richtig auf dem Plattfuß erwischt (selber ausprobiert) und zweitens, weil ich der Meinung bin, dass solche Überlegungen der wichtigste Bestandteil einer späteren Exit-Strategie ist. Unsere „Energiewende“ wird früher oder später in einem ökonomischen und ökologischen Desaster enden und die Politik wird dann einen Weg brauchen, einigermaßen unter Gesichtswahrung aus diesem Schlamassel rauskommen zu können. Und da, meine ich, wäre die erneuerbare Kernenergie (Schnellspaltreaktoren) neben den anderen erneuerbaren Energien nicht nur semantisch ein Modus Vivendi.

        Aber nun zu der Lösung des Stromspeicherproblems: Wir wissen nicht zuletzt aus dem Vortrag „Energiewende ins Nichts“ des IFO-Instituts, dass dieses Problem mit konventionellen Mitteln schlicht unlösbar ist und zwar bereits jetzt, mit einem Beitrag der EE’s zum primären Energieverbrauch in Höhe von 0.6% gesicherter Leistung! Die Lösung kann daher nur in einer intermittierenden Glättung des EE-Stroms bestehen, also in einer „Füllung“ des Stromlücken beim Ausbleiben des EE-Stroms.

        Natürlich werden in solchen Fällen fast schon reflexhaft die Gaskraftwerke vorgeschoben (so war es auch in der Fragerunde im Anschluss an „Energiewende ins Nichts“). Worüber jedoch hier geflissentlich hinweggetäuscht wird, ist die Tatsache, dass Gaskraftwerke im intermittierenden Betrieb extrem unwirtschaftlich sind. Dieser Umstand hat bereits Peter Altmaier dazu veranlasst, über deren Subventionierung nachzudenken (eine EE-Umlage für fossile Kraftwerke ?! – wenn es nicht so traurig wäre, könnte man ja darüber lachen…). Außerdem
        sind die Gaslieferanten (Russland) zur intermittierenden Lieferung nicht bereit, weil dies eine Unterauslastung der sündhaft teuren Pipelines bedeuten würde und insofern lösen die Gaskraftwerke das Speicherproblem überhaupt nicht, sondern werfen es vielmehr an einer anderen Stelle neu auf.

        Ganz anders verhält es sich z.B. mit dem Dual Fluid Reaktor. Denn dieser ist nicht auf eine stetige Brennstoffzufuhr angewiesen und läuft in unterschiedlichen Auslastungsbereichen stets mit nahezu unverminderter Wirtschaftlichkeit. Vor allem aber – was wohl das wichtigste ist – regelt er sich quasi selbst, ja, man kann sagen, er liefert Strom wenn er „gefragt“ wird*).

        Es gibt überhaupt keine andere Möglichkeit den EE-Strom im großen Rahmen zu glätten, als mit Hilfe von Kernreaktoren und diese Möglichkeit wird es auch nie geben. Anders ausgedrückt: Das Stromspeicherproblem (wie auch das Energieproblem überhaupt) ist auf der Makroebene nachweislich nicht lösbar, also folgerichtig kann es die Lösung nur auf der subatomaren Ebene geben.

        ________________

        *) Für Technik-Freaks: Verantwortlich dafür ist der extrem negative Temperaturkoeffizient, sprich, steigt die „Nachfrage“ nach Energie durch deren verstärkte Entnahme, so fällt die Betriebstemperatur und somit verdichtet sich die Brennflüssigkeit sowie der Bleireflektor, ferner steigen noch die Neutronen-Einfangsquerschnitte aufgrund des Doppler-Effekts, so dass die Reaktivität stark zunimmt. Der umgekehrte Prozess impliziert die sog. inhärente Sicherheit des Reaktors, da bei steigender Temperatur die Reaktivität aufgrund all dieser Faktoren wiederum rasant abnimmt.

  2. Die Argumentation zu einer statistischen Todesrate pro erzeugter Terawattstunde Strom dürfte an fast allen Menschen völlig vorbei gehen, deren Ablehnung der Atomenergie vor allem in der Angst vor möglichen Katastrophen begründet ist. Deren Haltung kann man dann als irrational bezeichnen, aber vielleicht liegt der Fehler – wie so oft in der Statistik – im falsch definierten Modell. ist dem Tod eines Menschen ein einheitliches Gewicht zuzuordnen?

    Ist der Tod des Anwohners eines Atomkraftwerks gleich zu setzen mit dem eines Arbeiters auf einer Ölplattform? Ist letzterer dieses Risiko nicht vielleicht bewusster eingegangen und hatte in Kenntnis der Sicherheitslage viel eher die Möglichkeit, das Risiko zu mindern oder ihm ganz zu entgehen? Zählt das Leben eines 60-jährigen Bergarbeiters, der in Folge einer Staublunge stirbt, genauso viel, wie das eines kleinen Kindes, das einer Leukämie zum Opfer fällt?

    Neben der Ungenauigkeit dieser „Konstante“ hat die Berechnung noch andere Haken. Wie unmittelbar ist der Zusammenhang der Todesfälle zur jeweiligen Technologie? Ließen sich die Unfälle bei der Gewinnung von Kohle und Öl nicht deutlich reduzieren, wenn man die teils menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in den Abbaugebieten verbessern würde? Würde nicht umgekehrt der Bau von Kernreaktoren in Krisengebieten oder Ländern mit unstabilen und korrupten Regierungen das Risiko von Atomkatastrophen erhöhen? Wie belastbar ist überhaupt eine Prognose dieses Risikos, wenn man in 50 Jahren nur zwei signifikanten „Stichproben“ für die Statistik hatte?

    Ich bin persönlich kein Gegner der Atomkraft und kann die meisten anderen Punkte der Aufzählung zumindest nachvollziehen. Die Frage der richtigen Energieversorgung ist für mich aber sowieso keine Frage nach der „besten“ Technologie. Für die erneuerbaren Energien sprechen z.B. viele Faktoren jenseits von Effizienz und Sicherheit.

    1. Zur Frage nach dem Tod eines Anwohners vs. Tod eines Arbeiters auf der Ölplattform habe ich ein ordentliches Totschlagargument:

      Was ist mit dem Tod von über 3 Mil. (In Worten: Drei Millionen) Menschen, die durch den Assuan-Staudamm in den ersten Jahrzehnten ums Leben gekommen sind?
      Die waren auch alle nur Anwohner.

      Zur Erläuterung:
      Durch den Staudamm wurden die Lebensbedingungen am Nil so verändert, daß zwei bis dahin auf das Delta beschränkte Krankheiten sich binnen weniger Jahre nach Süden, bis zum Staudamm, ausbreiten konnten. Bei den Krankheiten handelt es sich um Malaria und Bilharziose. Alleine in den ersten 30 Jahren nach Bau des Staudammes starben zusätzlich 3 Millionen Menschen an diesen Krankheiten, in Regionen Ägyptens, in denen die Krankheiten bis dahin gar nicht bis nur äußerst selten vorkamen.

  3. Ach endlich: U-Boote, Träger und Eisbrecher können nur atomar fahren und ohne diese Geräte wäre schließlich auch kein Leben auf der Erde möglich… Vielleicht sollte ich den Krebs der sich nachts angesichts solcher Artikel durch meine Gedanken frißt, von Areva Med heilen lassen. Nur, sofern diese nicht vollauf damit beschäftigt sind mit Ihrem Abfall die leukämikranken Kinder rund ums AKW zu heilen. (Die hätten aber auch wegziehen können – die Bengel…) Realsatire off

    1. Ja, die leukämiekranken Kinder und Kernkraftwerke! Daß Kernenergie Leukämie verursacht, ist ein beliebtes Gerücht, das die Antiatomlobby gern verbreitet. »Blöd« nur, daß selbst die KiKK-Studie keinen ursächlichen Zusammenhang sieht. Es ist wohl der Unterschied zwischen Korrelation und Koinzidenz, der manchen hier auf das statistische Glatteis führt. Der Statistiker Walter Krämer erläutert das näher: »Kein Zusammenhang zwischen Kernenergie und Krebs«. Siehe auch den Artikel »Das Kernkraftwerk im Hinterhof: keine große Sache« in meinem Blog über die wohl umfangreichste und präziseste Langzeitstudie in diesem Zusammenhang.

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