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Lieber Reinhard Bütikofer, etwas Souveränität, bitte!

Lieber Reinhard Bütikofer,

als einer, der seit über 40 Jahren grüne Politik macht, zuletzt auf Bundes- und Europaebene, sind Sie einer, der sich auskennt. Umso erstaunlicher, daß Sie es in der Diskussion mit Kernenergiebefürwortern an Souveränität und Abgeklärtkeit vermissen lassen und auf Facebook die Löschpeitsche schwingen. Lieber Reinhard Bütikofer, etwas Souveränität, bitte! weiterlesen

Darf Kernenergie umweltfreundlich sein?

»Darf Kernenergie umweltfreundlich sein?«, fragt die Deutsche Welle (DW)

Dual-Fluid-Reaktor

Der Beitrag der DW beantwortet die Frage nicht selbst, sondern überläßt die Antwort dem Leser. Der bekommt dazu gut recherchierte Informationen über den Dual-Fluid-Reaktor (DFR) an die Hand. Darf Kernenergie umweltfreundlich sein? weiterlesen

Einstweilige Verfügung: Dual-Fluid-Reaktor nun doch für GreenTec Awards nominiert

Berliner Kammergericht: Rauswurf des Dual-Fluid-Reaktors aus Umweltwettbewerb nicht rechtens. GreenTec Awards müssen Denominierung zurücknehmen.

Bei Wettbewerben ist es üblich, den Rechtsweg auszuschließen. Unüblich ist jedoch, die Regeln während des laufenden Wettbewerbs zu ändern, um einen mißliebigen Kandidaten am Weiterkommen zu hindern. Wer so etwas tut, kann durchaus vor dem Kadi landen, ganz egal, ob er den Rechtsweg ausgeschlossen hat oder nicht.

Das mußte gerade der renommierte Umweltpreis GreenTec Awards erfahren. Ein Online-Publikumsvotum nominierte den Dual-Fluid-Reaktor (DFR) des Berliner Instituts für Festkörper-Kernphysik (IFK) für die Endrunde.

»Der DFR entspricht genau den Kriterien der GreenTec Awards«, schwärmt Dr. Götz Ruprecht vom IFK. Der Reaktor sei umweltfreundlich, nachhaltig und ökonomisch, indem er ohne CO2-Emissionen und bei geringstem Flächenverbrauch große Mengen preiswerten Strom und Kraftstoff erzeugt. Und er beseitige Schadstoffe, nämlich den Atommüll bestehender Kernkraftwerke. »Der DFR zählt zu den Schnellspaltreaktoren und kann diese Abfälle daher als Brennstoff nutzen«, erläutert der Kernphysiker. »Mit den heute üblichen Kernkraftwerken geht das überhaupt nicht. Der DFR aber macht es sogar noch auf eine besonders effiziente Weise.«

Veranstalter und Jury der GreenTec Awards mochten sich dieser Sichtweise jedoch nicht anschließen. Sie konnten sich ausgerechnet einen Kernreaktor in der Endrunde ihres grünen Wettbewerbs nicht vorstellen. Daher konstruierten sie eine nachträgliche Regeländerung und warfen den DFR aus dem Rennen. Das Publikumsvotum sollte nichts mehr gelten, sondern allein die Entscheidung der Jury.

Doch diese Denominierung müssen die GreenTec Awards wieder rückgängig machen, beschloß das Berliner Kammergericht in zweiter Instanz (Az. 25 W 22/13) und gab dem Antrag der DFR-Macher auf einstweilige Verfügung statt. Die Greentec Communications GmbH muß das Ergebnis der Online-Abstimmung hinnehmen, den DFR gemäß der ursprünglichen Wettbewerbsregeln behandeln und ihn für die Endrunde zulassen. Die Jury muß daher erneut über den Gesamtsieger abstimmen und den Dual-Fluid-Reaktor dabei als Kandidaten berücksichtigen. Außerdem hat der DFR das Recht auf einen Filmbeitrag durch ProSieben und auf eine angemessene Präsentation bei der GreenTec-Awards-Gala am 30. August. Der Beschluß ist unanfechtbar; Greentec Communications trägt die Kosten des Verfahrens.

Ausführliche Informationen über den Dual-Fluid-Reaktor finden sich nicht nur auf dessen Homepage, sondern auch in der dreistündigen Tonaufzeichnung des Nuklearia-Mumbletreffens vom 27. Juni 2013.

International bekannt wurde die Posse um die GreenTec Awards durch meinen Blogbeitrag „How To Stash A Nuclear Reactor Away“. Dort sind auch sämtliche anderen mir bekannten Beiträge zu dieser Affäre verlinkt.

Update

Dual-Fluid-Reaktor intensiv

Aufzeichnung des Nuklearia-Mumbles

Viel Wirbel löste ein modernes Kernreaktordesign aus Deutschland aus: Das Publikum der GreenTec Awards wählte den Dual-Fluid-Reaktor per Online-Voting in die Endrunde; die Veranstalter scheuten nicht davor zurück, die Regeln zu ändern um den ungeliebten Sieger wieder rauszuwerfen.

Der Kern des Dual-Fluid-Reaktors (Quelle: Institut für Festkörper-Kernphysik)

Was hat es mit dem Dual-Fluid-Reaktor auf sich? Wie funktioniert er? Wie kann er Atommüll als Brennstoff nutzen und dadurch beseitigen? Wie kann er außer Strom auch Kraftstoff erzeugen? Wie sieht die wirtschaftliche Seite aus? Und natürlich: Wie steht es um die Sicherheit?

Drei Stunden lang waren die Macher des Dual-Fluid-Reaktors im Nuklearia-Mumbletreffen am 27. Juni 2013 zu Gast. Dr. Armin Huke, Dr. Götz Ruprecht, Dipl.-Ing. Stephan Gottlieb und Dipl.-Phys. Daniel Weißbach vom Institut für Festkörper-Kernphysik stellten den Reaktor vor und standen den Teilnehmern Rede und Antwort.

Herunterladen und anhören

Den Mitschnitt gibt es hier als MP3-Datei zum Herunterladen:

Zum Verständnis braucht man außerdem diese Präsentation:

Aber Vorsicht: Vortrag und Diskussion sind ziemlich physik- und techniklastig!


Nuklearia-Logo

Die Nuklearia ist eine kernenergiefreundliche Arbeitsgruppe innerhalb der Piratenpartei Deutschland.

Holz

Wie ihr wißt, schreibe ich hier gelegentlich (und auf Twitter häufig) über Kernenergie. Natürlich ist Kernenergie nicht die einzige Möglichkeit, Strom zu erzeugen. Über eine ganz spezielle Energieart soll es in diesem Beitrag gehen: Holz. Zu diesem Thema erschien im April der Artikel „Wood: The fuel of the future –Environmental lunacy in Europe“ im Economist, auf den ich mich hier stütze, auf Deutsch zusammenfasse und sehr empfehle.

Holzverfeuerung – laut EU klimaneutral

Holz zählt in der Europäischen Union zu den erneuerbaren, CO2-armen und damit klimafreundlichen Energien und wird entsprechend gefördert. Das muß ich erklären, denn normalerweise käme ja niemand auf die Idee, Holz als CO2-arm zu bezeichnen. Holz weiterlesen

Atommüll selbst vernichten – oder doppelt und dreifach zahlen!

Zum gerade laufenden Bundesparteitag 2013.1 der Piratenpartei in Neumarkt hat die Nuklearia einen Antrag eingereicht, der für die Forschungsförderung in Sachen Transmutation plädiert. Mit Transmutation läßt sich Atommüll aus gebrauchten Brennelementen insofern unschädlich machen, als sie aus langlebigem Atommüll kurzlebigen macht und die nötige Lagerdauer von 300.000 Jahren auf 300 Jahre verkürzt. Außerdem werden große Menge Energie freigesetzt, die man zur Strom- und Kraftstoffproduktion nutzen kann – stabil und klimafreundlich.

Radiotoxizität: Wie gefährlich ist ein radioaktiver Stoff im Menschen?

Entscheidend für die Sache mit dem Atommüll ist die sogenannte Radiotoxizität: Sie sagt aus, wie gefährlich eine radioaktive Substanz ist, wenn sie in den menschlichen Körper gelangt. Die Abbildung zeigt, wie es mit der Radiotoxizität gebrauchter Brennelemente aussieht:

RadiotoxizitätDie blaue Linie zeigt die gesamte Radiotoxizität gebrauchter Brennelemente. Sie nimmt nur sehr langsam ab und hat erst nach rund 300.000 Jahren das Niveau von natürlichem Uranerz (violette Linie) erreicht.

Schuld an diesem langsamen Abklingen sind die Transurane (rote Linie). Das sind Plutonium, Americium, Curium und weitere Substanzen, die schwerer als Uran sind. Wie man sieht, machen sie den Löwenanteil der Radiotoxizität aus.

Die grüne Linie zeigt die Radiotoxizität der Spaltprodukte. Sie ist anfangs ebenfalls sehr hoch, klingt dann aber sehr viel schneller ab als die der Transurane. Bereits nach 300 Jahren ist sie auf dem Niveau natürlichen Uranerzes angekommen. Sie fällt weiterhin schnell ab, um nach 800 Jahren bei nur einem Prozent der Radiotoxizität von Uranerz anzukommen.

Transmutation spaltet die langlebigen Transurane und macht aus ihnen kurzlebige Spaltprodukte. Dadurch gilt nicht länger die rote Linie, sondern die grüne! Das verkürzt die Lagerdauer auf ein Tausendstel! Eine gute Sache also!

Deutschland ohne Transmutation – das wird teuer!

Nun gibt es allerdings Bedenkenträger, die sich damit gar nicht anfreunden können und am liebsten jede Art Kerntechnik von deutschem Boden verbannen möchten. Für unsere Bundesregierung ist die direkte Endlagerung des Atommülls alternativlos, und von der Opposition oder von sogenannten Umweltschützern kommen ebenfalls keine anderen Stimmen. Transmutationsforschung ist kein wirkliches Thema, auch wenn sich Deutschland am europäischen Forschungsprojekt Myrrha beteiligt. Schnelle Reaktoren, die ebenfalls Transurane spalten können, sind  für viele ohnehin ein Reizthema. Deutsche Politiker diskutieren nicht, ob wir ein Endlager »für die Ewigkeit« brauchen, sondern nur, wo es hin soll.

Aber was passiert, wenn Deutschland hier nichts tut uns passiv bleibt? Wenn Deutschland nichts erforscht und nichts entwickelt? Meiner Ansicht nach wird folgendes geschehen:

  • Erstens wird sich herausstellen, daß die heute favorisierte direkte Endlagerung nicht durchführbar ist. Denn niemand will das Zeug haben wollen: »Anderswo gerne, aber bitte nicht zu mir!«
  • Zweitens werden Unternehmen in anderen Ländern durchaus Transmutationsanlagen bauen, zum Beispiel Schnelle Reaktoren mit integrierter Brennelementwiederaufarbeitung – Reaktoren, die Atommüll als Brennstoff nutzen können. Rußland kommt einem da als erstes in den Sinn, weil die Russen sehr viel Erfahrung mit Schnellen Reaktoren haben und ohnehin ihre gesamte Kernkraftstrategie Ende 2012 auf Schnelle Reaktoren umgestellt haben.
  • Drittens wird Deutschland wohl oder übel seine gebrauchten Brennelemente in diese Länder exportieren müssen – Stichwort Atommüllexport. Denn mit dem Endlager klappt es ja nicht, und außerdem werden die Abnehmer den Atommüll nicht einfach verbuddeln, sondern schön brav und sauber in ihren Anlagen verwerten. Man darf also ein gutes gewissen haben. Eine solche Dienstleistung gibt’s natürlich nicht umsonst! Deutschland wird eine Menge Geld an die Entsorger abdrücken.
  • Viertens machen die Entsorger den Atommüll nicht einfach bloß unschädlich, sondern produzieren daraus klimafreundlichen Strom und klimafreundlichen Fahrzeugtreibstoff. Beides läßt sich prima gegen gutes Geld nach Deutschland verkaufen. So ist der Kreis geschlossen, so zahlen wir doppelt! Ach nein, wir zahlen dreifach, denn die Energiewende hat ja auch ihren Preis.

Links

Licht! Kamera! Atome! Sundance präsentiert Pro-Kernkraft-Film

Von (Übersetzung des englischen Originalartikels: Rainer Klute)

The show must go on: »Schnelle« Kernreaktoren – ein lange vernachlässigtes Reaktordesign. Seine Unterstützer wollen es jetzt ins Rampenlicht stellen.

Argumente für eine neue Art von Kernenergie kommen im Januar auf die Leinwand: Der Film Pandora’s Promise feiert auf Robert Redfords Sundance-Filmfestival Premiere.

Wie Regisseur Robert Stone auf seiner Website erläutert, läßt die Dokumentation ehemalige Antiatom-Wissenschaftler und -Aktivisten zu Wort kommen, die die Kernenergie mittlerweile für den Schlüssel zu einer CO2-armen Energiegewinnung halten, die die globale Erwärmung bremsen kann. Licht! Kamera! Atome! Sundance präsentiert Pro-Kernkraft-Film weiterlesen

Verbrennen statt verbuddeln – der Atommüll-Antrag der Nuklearia

Nuklearia-LogoZwei Anträge hat die Nuklearia an den Bundesparteitag der Piratenpartei gestellt, der Ende November in Bochum stattfindet. Einer der beiden befaßt sich mit dem Thema Atommüll-Entsorgung. Worum geht es da genau?

Eins ist ja bei allem pro und contra Kernenergie unbestritten: Durch den Betrieb der Leichtwasserreaktoren hat sich eine Menge Atommüll angesammelt. Und wenn ich hier von »Atommüll« rede, dann meine ich die hochradioaktiven, langlebigen Abfälle aus abgebrannten Brennelementen. Diese Abfälle machen 98 Prozent der Radiotoxizität aller radioaktiven Abfälle aus. Sie verschwinden nicht, wenn das letzte Kernkraftwerk in Deutschland vom Netz geht. Wir müssen uns also aktiv um eine Lösung kümmern. Das macht der Nuklearia-Antrag.

Was will der Nuklearia-Antrag?

Unser Antrag stellt den Piraten die drei verschiedenen, international diskutierten Möglichkeiten vor, Atommüll zu entsorgen. Die Piraten mögen dann entscheiden, welche Variante (oder welche Varianten) sie bevorzugen beziehungsweise in welcher Variante sie das kleinere Übel sehen.

  1. Modul A: Direkte Endlagerung ist das, was das in Deutschland derzeit geltende Atomrecht für radioaktive Abfälle vorsieht. Der Substanzmix aus den genutzten Brennelementen braucht rund 300.000 Jahre , um auf das Radiotoxizitätsniveau von natürlich vorkommendem Uranerz abzuklingen.
  2. Modul B: Plutonium-Wiederaufarbeitung wird in einigen Ländern praktiziert. Dabei wird das Plutonium aus den abgebrannten Brennelementen für die Herstellung neuer Brennelemente verwendet (PUREX-Verfahren). Das kann man allerdings nicht beliebig oft machen, so daß der Rest dann doch endgelagert werden muß. Insgesamt ergibt sich eine Verminderung der Radiotoxizität um 10 Prozent. In Deutschland ist die Wiederaufarbeitung verboten.
  3.  Modul C: Transmutation wandelt die langlebigen Substanzen in kurzlebige um. Das geschieht in sogenannten Schnellen Reaktoren. Durch die Transmutation geht die Radiotoxizität dramatisch zurück: Das Niveau von Uranerz wird bereits nach 300 Jahren erreicht. Nach weiteren 500 Jahren ist die Radiotoxizität auf 0,01 Promille des Ausgangswertes gefallen. – Außerdem setzt die Transmutation große Mengen Energie frei, die Deutschland jahrhundertelang klimafreundlich mit Strom versorgen könnte. Kein Wunder, enthalten die »abgebrannten« Brennelemente noch gut 96 Prozent ihrer Energie!

Die Teilnehmer des Parteitages können für keines, eines oder mehrere dieser Module stimmen. Mit einer Mehrheit für ein bestimmtes Modul bringt die Piratenpartei zum Ausdruck: Diese Richtung wollen wir bevorzugt verfolgen, beispielsweise durch Forschungsförderung. Eine Priorisierung der Forschungsziele ist wichtig, weil wir jeden Euro nur einmal ausgeben können. Geld, das wir in die Entforschung und Weiterentwicklung der Endlagerung stecken, steht zur Transmutationforschung nicht mehr zur Verfügung – und umgekehrt. – Eins ist jedoch klar: Eine Präferenz für die eine Richtung schließt das Nachdenken, Diskutieren und Forschen in anderen Richtung keineswegs aus.

In welcher Richtung sieht die Piratenpartei denn die besten Erfolgschancen? Das wollen wir mit Hilfe unseres Antrags herausfinden. Die Präferenz der Nuklearia ist klar: Wir plädieren für Transmutation (Modul C)! Wir meinen: Nur so läßt sich das Übel an der Wurzel packen. Und das Beste daran: Das alles ist kein Hirngespinst, das sich irgendwelche abgefahrenen Physiker im Elfenbeinturm ausgedacht haben. Das Verfahren wurde und wird gründlich erforscht und praktisch umgesetzt. Wer mehr darüber wissen will,  sollte sich zum Beispiel die Infos der Nuklearia zum Integral Fast Reactor anschauen und den Links dort folgen.

Einwände

Natürlich gibt es Einwände gegen unseren Antrag:

»Einem Antrag, der von der Nuklearia kommt, werde ich niemals zustimmen!«

Das ist ja mal ein überaus großartiger Grund, der uns der Lösung des Atommüllproblems ganz bestimmt näher bringt!

»Ich will kein Endlager, keine Wiederaufarbeitung und keine Transmutation.«

Klar, es ist dein gutes Recht, keinem der drei Module deine Stimme zu geben. Du mußt dich allerdings fragen lassen: Was willst du denn dann? Wie sieht deine Alternative aus? Was ist dein Lösungsvorschlag? Bloß dagegen zu sein, löst das Problem ja nicht.

Wenn dir keine der Alternativen richtig gut gefällt, kannst du ja immerhin überlegen, was für dich das kleinste Übel ist. Wenn du für diese Variante stimmst, verhinderst du die beiden anderen, die du ja schlimmer findest.

Übrigens: Wer für gar kein Modul stimmt, stimmt damit implizit für Modul A. Denn die direkte Endlagerung ist ja bereits Gesetz. Ablehnung aller Module heißt: Ich sehe keinen Bedarf, irgendetwas zu ändern. Mit der Endlagerung bin ich einverstanden.  Wenn du das wirklich okay findest, dann stimme halt für nichts oder für Modul A.  Wenn du aber etwas ändern möchtest, dann stimme für Modul B (empfehlen wir nicht) oder Modul C (das empfehlen wir).

»Kann man das Zeug nicht rückholbar zwischenlagern, bis irgendwann in der Zukunft eine Lösung gefunden wird?«

Ja, kann man. Und das ist auch gar keine schlechte Idee, zumindest für einige Zeit. Der Antrag »Verantwortungsvoller Umgang mit radioaktivem Material und Atommüll« (PA 208) der Antiatompiraten scheint ja in diese Richtung zu gehen, auch wenn dort der Schwerpunkt eher auf schwach- und mittelaktiven Abfällen liegt.

Wir haben eine solche langfristige Zwischenlagerung aber nicht als Modul D in unseren Antrag aufgenommen, weil es eben nur eine Zwischenlösung ist und keine endgültige. Zwischenlagern ist ja das, was wir zur Zeit machen, denn wir haben kein Endlager, wir haben keine Wiederaufarbeitung, und wir haben keine Schnellen Reaktoren oder subkritischen Transmutationsanlagen.

Allerdings können wir die hochaktiven Abfälle nicht für alle Zeiten zwischenlagern. Neben den Kosten spricht ein physikalisches Argument dagegen: Durch die radioaktiven Zerfallsprozesse steigt der Anteil des spaltbaren Materials mit der Zeit an und macht die Abfälle attraktiv für Bombenbauer. Das spaltbare Plutonium-239 in den abgebrannten Brennelementen ist anfangs mit soviel nichtspaltbarem Plutonium-240 versetzt, daß es insgesamt nicht waffenfähig ist. Das Plutonium-240 zerfällt aber aufgrund seiner kürzeren Halbwertszeit schneller als das Plutonium-239, dessen Konzentration steigt an, und das Plutonium insgesamt wird immer waffenfähiger.

Ein Langzeitzwischenlager, das zur Plutonium-Mine mutiert und aus dem man sich als Staat oder als Terrorist einfach bedienen kann, ist vielleicht doch nicht so prickelnd. Da hätte ein Endlager ohne Rückholoption doch gewisse Vorteile. Denn wenn der Bombenbauer nicht an das Material herankommt, wenn er womöglich nicht einmal weiß, wo es zu finden ist, erschwert das seine Arbeit beträchtlich.

Noch besser wäre es natürlich, das Plutonium von vornherein zu vernichten, denn dann wäre man es endgültig los – siehe Modul C.

»Transmutation erscheint mir fragwürdig. Ich warte lieber auf eine Lösung, die in der Zukunft gefunden wird.«

Auch in fernster Zukunft wird es nur zwei Möglichkeiten geben, mit den langlebigen Stoffen umzugehen:

  • Man läßt sie heil und verwahrt sie sicher für eine sehr, sehr lange Zeit.
  • Man macht sie kaputt und verwahrt die Bruchstücke (Spaltprodukte) für eine vergleichsweise kurze Zeit.

Weitere Möglichkeiten kann es prinzipbedingt nicht geben. Jede wie auch immer geartete Lösung wird die langlebigen Substanzen entweder intakt lassen oder spalten. Innerhalb dieser beiden Lösungsräume kann es unterschiedliche konkrete Lösungen geben: immer bessere, immer sicherere Endlagerungsverfahren oder immer bessere, immer sicherere Schnelle Reaktoren.

Dummerweise fallen kluge Endlagerungsverfahren und pfiffige Reaktorkonzepte nicht vom Himmel. Sie sind Ergebnis harter Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Durch Nichtstun und Abwarten kommen wir nicht weiter. Deshalb müssen wir Geld in die Hand nehmen und in die Forschung investieren. Wir müssen jungen Nuklearwissenschaftlern und Ingenieuren Perspektiven, Projekte und Positionen bieten – und zwar in Deutschland! Und das müssen wir heute tun und nicht irgendwann später!

Wir müssen uns entscheiden, in welche Richtung unsere Forschung laufen soll. Stecken wir das gesamte Budget in die Endlagerforschung? Stecken wir alles in Transmutationsforschung? Fördern wir beides parallel, aber dann zwangsläufig nur halbherzig und mit halbem Budget? Das ist eine politische Entscheidung, die wir gesamtgesellschaftlich treffen müssen. Die Nuklearia lehnt den Lösungsraum Endlagerung ab und plädiert für die Transmutation. Hier sollten wir die bereits vorhandenen Erkenntnisse und Verfahren praktisch anwenden, Erfahrungen gewinnen und darauf aufbauend weitere Lösungen entwickeln!

»Ich halte Transmutation für keine gute Lösung, denn dafür müßte man ja wieder Reaktoren bauen.«

Ja, das stimmt. Das ist die Alternative: Atommüll für 300.000 Jahre sicher verwahren oder neue Reaktoren bauen, um damit das Zeug zu spalten und Energie zu gewinnen.

Aber was für Reaktoren sind das? Es sind völlig andere als die heutigen Leichtwasserreaktoren. Die wesentlichen Eigenschaften in puncto Sicherheit:

  • Flüssigmetallgekühlte Schnelle Reaktoren arbeiten unter Normaldruck und nicht unter dem gewaltigen Überdruck eines Leichtwasserreaktors. Bei einer Beschädigung kommt es nicht zu einer Dampfexplosion, die das Reaktor-Containment hoffentlich auffängt, sondern es läuft lediglich etwas flüssiges Blei oder Natrium aus. Da aber kein Überdruck besteht, beschränkt sich der Schaden auf die Anlage, und der Reaktor behält sein Kühlmittel.
  • Moderne Reaktoren sind inhärent sicher. Das bedeutet, die Sicherheit hängt nicht von entsprechenden Sicherheitseinrichtungen und Notfallverfahren ab, sondern basiert ausschließlich auf den Naturgesetzen. Die haben den Vorteil, nicht auszufallen. Die Anlage wird „walk-away safe“. Das bedeutet: Selbst wenn es zu einem totalen Stromausfall kommt und kein Personal mehr vorhanden ist, bleibt der Reaktor dennoch in einem sicheren Zustand. Das hat man 1986 am Experimental Breeder Reactor II getestet, indem man dem Reaktor unter Vollast die Kühlung abgeschaltet hat.
  • Der Integral Fast Reactor verfügt über eine mit dem Reaktor integrierte Wiederaufarbeitungsanlage. Der Kernbrennstoff muß nicht durch die Gegend gefahren werden, sondern bleibt stets dort, wo er hingehört: in der Anlage.

Links

Schulterschluß: Kernkraft und Erneuerbare gemeinsam gegen den Klimawandel

Die großartige Nachricht des Tages kommt heute aus Großbritannien. Wie der Independent berichtet, haben die drei Industrieverbände für Kernenergie, für erneuerbare Energien und für Carbon Capture and Storage ihre gegenseitigen Vorbehalte und Mißtrauenen überwunden und einen Offenen Brief an die Regierung geschrieben. Ihr gemeinsames Anliegen: Das neue Energiegesetz möge bitte sehr verbindliche Klimaziele bis 2030 festschreiben! Die Industrieverbände beziehen damit klar Position in der Auseinandersetzung innerhalb der britische Regierungskoalition um die künftige Energiepolitik.  In diesem Streit will die eine Seite zugunsten des Klimaschutzes CO2-arme Energieträger voranbringen; die andere Seite setzt auf Gaskraftwerke, die schnell und billig zu bauen sind und so für bezahlbaren Strom sorgen sollen.

Ich finde es großartig, daß die Industrieverbände erkannt haben: Es geht nicht um einen Kampf zwischen Kernkraft und erneuerbaren Energien. Vielmehr ist das, was die Lebensgrundlage vieler Menschen bedroht, die Erderwärmung, der Klimawandel. Wie groß diese Bedrohung durch das jahrzehntelange Nichtstun der Regierungen mittlerweile ist, zeigt ein anderer heute im Independent erschienener Artikel: Das Beratungshaus PricewaterhouseCoopers (PwC) gibt dem Klimaziel einer Erwärmung um 2 ℃ keine Chance mehr. Vielmehr seien bis zum Jahr 2100 unglaubliche 6 ℃ zu erwarten – mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Weltbevölkerung.

Glücklicherweise erkennen auch immer mehr Umweltorganisationen, wie groß diese Bedrohung durch den Klimawandel ist. Sie fangen an, ihre bisherige ablehnende Haltung gegenüber der Kernenergie zu überdenken, ist diese doch ein wirksames Mittel, der Klimaveränderung entgegenzuwirken. Denn wie die Erneuerbaren ist Kernenergie ist in der Lage, Elektrizität ausgesprochen klimafreundlich zu produzieren. Die CO2-Emissionen pro erzeugter Megawattstunde liegen bei Kernkraft in der selben Größenordnung wie bei Photovoltaik. Allerdings kann Kernenergie sehr viel mehr Strom liefern als Erneuerbare – und das auch bei Nacht und Windstille.

John Sauven, Leiter von Greenpeace UK, begrüßt das gemeinsame Ziel der Industrieverbände, die Stromproduktion bis 2030 fast vollständig CO2-frei zu machen – obwohl doch die »böse« Kernenergie dabei ist. Von den Friends of the Earth waren erst kürzlich ähnliche Töne zu hören. Im Kampf gegen den Klimawandel geht es darum, die Kräfte zu bündeln und alles zu nutzen, was klimafreundlich Strom produzieren kann. Das heißt: erneuerbare Energien. Das heißt: Kernenergie.

Leider sind solche Gedanken in Deutschland noch völlig unvorstellbar. In der Antikernkraftdiskussion haben die Ideologen nach wie vor fest das Heft in der Hand. Denen ist es offenbar egal, wenn alte Kohlekraftwerke weiterlaufen müssen und sogar neue gebaut werden. Hauptsache, die Kernkraftwerken gehen vom Netz! Womöglich brauchen wir auch erst einen Hurrikan wie Sandy, der altes Denken hinwegfegt. Es wäre sehr bedauerlich, wenn es wirklich erst soweit kommen müßte!

Nachtrag (2012-11-07): Mike Childs von Friends of the Earth lobt die Aktion der Industrieverbände: „Well done to the Nuclear Industry Association, Renewables UK and Carbon Capture & Storage Association. They might fight like cats and dogs over which technology is greener, safer, cheaper or more desirable – all have their pros and cons – but this month they came together for the greater good.“ (Hervorhebung von mir)

Links:

Klimastreit entschieden? Neue Studie bringt Klarheit

Klimaskeptiker bezweifeln, daß die globale Erwärmung auf menschliche Aktivitäten wie den Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen zurückzuführen ist. Klimaschützer hingegen warnen vor dem Bau neuer Kohlekraftwerke, die noch mehr CO2 in die Atmosphäre blasen und den Klimakollaps weiter anheizen – mit schrecklichen Folgen auf der ganzen Welt.

Nach jahrelangem Streit zwischen Klimaschützern und Klimaskeptikern gibt es nun eine neue Studie, die diesen Streit entscheiden könnte. Der Physiker und Klimaskeptiker Prof. Richard Muller hat sie durchgeführt, das klimaskeptische Heartland Institute, hinter dem die amerikanische Kohleindustrie steckt, hat sie mitfinanziert. Ergebnis: Die globale Erwärmung ist sehr wohl menschengemacht, und es sind die Treibhausgase, die sie verursachen, allen voran das CO2.

Richard Muller hat seine Überzeugung aufgrund der Ergebnisse seiner Studie komplett gewandelt – eine wahrhaft wissenschaftliche Haltung, die manch anderem ebenfalls gut anstünde! Kernenergie besitzt eine außerordentlich gute CO2-Bilanz. Die Folgen des Klimakollaps sind weitaus dramatischer, als jedes Nuklearunglück es sein könnte (zur Erinnerung: keine Strahlungstoten durch Fukushima). Bevor wir Kernkraftwerke durch eneuerbare Energien ersetzen, sollten wir daher zuallererst die Kohle-, Öl- und Gaskraftwerke abschaffen!