Chancen und Risiken der Kernenergie nüchtern abwägen

In der neuen Diskussion über die Kernenergie in Deutschland sollten wir Technik wieder faktenbasiert und emotionsfrei bewerten. Nur so lassen sich zweckmäßige und sinnvolle Entscheidungen treffen. – Eine Antwort auf die zahlreichen Reaktionen auf meinen Gastbeitrag in der ZEIT sowie auf die Gegenrede von Jochen Steinhilber, ebenfalls in der ZEIT.

In der ZEIT vom 2. Oktober 2019 erschien im Ressort Streit mein Gastbeitrag »Atomkraft, ja bitte! Wie bitte?«, in dem ich schnelle Reaktoren vorstellte. Diese Kernreaktoren

  • lösen das Endlagerproblem,
  • liefern Energie für viele Jahrtausende und
  • versorgen uns CO₂-frei und klimafreundlich mit Strom, Wärme und Kraftstoff.

Der Artikel stieß auf reges Interesse und lief ausgesprochen gut. War er zunächst nur für Digital-Abonnennten und Käufer der gedruckten Ausgabe erreichbar, hob die ZEIT zwei Tage die Bezahlschranke auf und bewarb den Artikel auf Twitter und Facebook. Das führte zu hohen Abrufzahlen und vielen Reaktionen.

Nerv getroffen: viele Reaktionen auf Pro-Atom-Artikel

Ein ausgesprochen vielfältiges Bild zeigten die Kommentare, die die Leser unter der Online-Fassung des Artikels, in Leserbriefen und in den sozialen Medien abgaben. Von begeisterter Zustimmung bis zu entschiedener Ablehnung war alles dabei. Leider blieben auch verbale Attacken auf meine Person nicht aus. Nun gut, die werte ich als indirekte Zustimmung, denn wer die Person angreift, zeigt damit ja nur, dass er keine Argumente in der Sache hat.

Wie ein roter Faden zieht sich durch die positiven Rückmeldungen die Überraschung darüber, dass wieder eine Diskussion über Kernenergie stattfindet, dass dieses Thema in Deutschland doch noch nicht »gegessen« ist. Zugleich befürchten diese Leser aber, dass sich trotz neuer Diskussion und Klimawandels wohl so schnell nichts ändern werde. Dazu sei Deutschland viel zu lange auf Anti-Atom-Kurs und Energiewende eingeschworen, die Mär von der »bösen Kernkraft« zu fest in Herzen und Hirne eingebrannt.

Auch Mitgliedsanträge für den Nuklearia e. V. kamen herein – vielen Dank! Wer das noch nachholen und ebenfalls Mitglied werden möchte, findet alle Informationen dazu auf der Website des Vereins.

Das Beantworten jedes einzelnen Leserbriefs musste ich bald aufgeben. Es waren einfach zu viele. Liebe Briefschreiber, liebe Kommentatoren, bitte versteht den hier vorliegenden Text als Antwort auf eure Beiträge!

Zugleich gehe ich mit dem vorliegenden Text auf den Artikel »Eine Idee fürs Endlager« von Jochen Steinhilber ein, den die ZEIT in ihrer Ausgabe vom 10. Oktober 2019 als Gegenrede zu meinem Beitrag brachte. Steinhilber leitet das Referat Globale Politik und Entwicklung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Viele seiner Argumente decken sich mit dem, was mir Kritiker geschrieben haben. Indem ich auf Steinhilbers Punkte eingehe, beantworte ich also zugleich die Einwände vieler Leser.

Berechtigte Hinweise und Einwände ernst nehmen

Zunächst aber eine grundsätzliche, allgemeine Antwort: Kernkraftbefürworter tun gut daran, auf die Stimmen der Mahner und Warner zu hören und sie nicht einfach in den Wind zu schlagen. Nuklear-Pessimisten sorgen dafür, dass die Technik-Euphoriker nicht über die Stränge schlagen. Das hohe Sicherheitsniveau deutscher Kernkraftwerke ist sicherlich auch auf berechtigte Hinweise von Atomkraftgegnern zurückzuführen.

Allerdings sind berechtigte Bedenken und Einwände noch lange kein Grund, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Vielmehr gilt es, Technik, Prozesse und Regularien zu verbessern, weiterzuentwickeln und Nachteile auszumerzen oder wenigstens auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Aus Fehlern lernen und die Dinge besser machen, so geht Fortschritt.

Voraussetzung für einen gelingenden Dialog sind aber Augenmaß, Sachlichkeit und ein wissenschaftliches Fundament. Legen wir diesen Maßstab an, ist nicht alles, was Atomkraftgegner sagen, tatsächlich berechtigt. Wenn Deutschland seinen Atomausstieg damit begründet, Kernenergie sei eine »Hochrisikotechnologie«, dann geht das schlichtweg an der Realität vorbei, siehe etwa die Studie von Markandaya und Wilkinson. Wer die Realität ignoriert, trifft falsche Entscheidungen.

Tote pro Terawattstunde nach Energiequelle. Quelle: Next Big Future

Von Abraham Lincoln stammt der Ausspruch, man könne zwar alle Menschen für einige Zeit und einige Menschen für alle Zeit zum Narren halten, aber nicht alle Menschen für alle Zeit. Deutschland hat sich lange genug von faktenferner Anti-Atom-Propaganda zum Narren halten lassen. Diese Zeit ist vorbei. Wir sollten wieder anfangen, die Dinge nüchtern zu bewerten. Bedenken ernstnehmen und Risiken abwägen – ja, selbstverständlich! Atomhysterie? Nein, danke!

Chancen und Risiken nüchtern abwägen

Gerade das sachliche, emotionsfreie Abwägen von Vorteilen, Nachteilen, Chancen und Risiken vermisse ich bei vielen Atomkraftgegnern. Man fokussiert sich ausschließlich auf tatsächliche oder vermeintliche Risiken der Kernenergie. Und hat man ein Risiko entdeckt, dient es sogleich als Killerargument gegen die Kernenergie, ganz egal, wie groß oder wie klein es ist.

Doch wie sieht es eigentlich auf der anderen Seite aus? Wie wird es sein, wenn wir keine Kernenergie mehr einsetzen? Kennt ihr das, dass sich Atomkraftgegner darüber Gedanken machen, welche Risiken durch den Verzicht auf Kernenergie entstehen? Ich auch nicht.

Bei diesen Risiken geht es nicht einmal um den leidigen Streit darüber, ob ausschließlich Kernenergie oder ausschließlich Erneuerbare zum Einsatz kommen sollten. Verschiedene Studien zeigen, dass eine CO₂-arme Stromerzeugung mit Erneuerbaren und einem Sockel aus Kernenergie Kosten und Risiko deutlich reduzieren, beispielsweise »The Role of Firm Low-Carbon Electricity Resources in Deep Decarbonization of Power Generation« (Sepulveda et al. 2018). Die Forderung nach 100 Prozent erneuerbaren Energien hingegen ist nur zu exorbitanten Kosten erfüllbar, wenn überhaupt.

Es gilt, sowohl die Risiken der Kernenergie als auch die Risiken der Alternativen zu betrachten. Wir sollten sämtliche Risiken gegeneinander abwägen – vorurteilsfrei, nüchtern, emotionslos und gegründet auf dem festen Fundament der Wissenschaft.

Ich hoffe, wir schaffen es in der neuen Diskussion um die Kernenergie, uns von überkommenen Vorurteilen zu lösen und die Nukleartechnik ganz sachlich so zu betrachten wie jede andere Technik auch, so wie zum Beispiel Güterverkehr, chemische Industrie oder Stahlherstellung. Nichts davon ist risikofrei, aber wir nutzen sie und nehmen die Risiken in Kauf, weil wir auf die Vorteile nicht verzichten wollen oder können.

Wer bis hierher gelesen hat, kann eigentlich aufhören. Denn das Wichtigste ist gesagt: Risiken einschätzen und nüchtern miteinander vergleichen, keine Technik diskriminieren. Die Option Kernenergie nicht ausschließen, Handlungsspielräume nicht einschränken. CO₂-Freiheit, Atommüll-Recycling und Brennstoffvorräte für Jahrtausende sind keine Dinge, die man leichthin abtun sollte.

Angesichts des Klimawandels sollten zumindest Klimabesorgte heute zu einer anderen Risikoabschätzung der Kernenergie als noch vor 40 Jahren kommen. Wer sich vor dem Klimawandel fürchtet, aber Kernenergie als Mittel gegen den Klimawandel ablehnt, ist entweder inkonsequent oder er schätzt die Folgen des Klimawandels oder die Folgen der Kernenergie grob falsch ein.

Steinhilbers Liste

Kommen wir nun zu den Punkten, die Jochen Steinhilber in seinem Artikel gegen die Kernenergie vorbringt. Was ist davon zu halten?

Steinhilber kennt Entwicklungsstand nicht

Immerhin ist auch Steinhilber der Ansicht, dass Atommüll zu verbrennen und damit CO₂-arm Strom zu produzieren eine großartige Sache sei. Allerdings vermisst er Nachweise, dass sich die behaupteten Vorteile verwirklichen lassen. Dass Steinhilber solche Nachweise nicht kennt, bedeutet aber natürlich nicht, dass sie nicht existieren. Ich empfehle einen Blick erstens in die einschlägige Fachliteratur und zweitens auf die aktuellen Entwicklungen Schneller Reaktoren, speziell in Russland, wo man definitiv am weitesten ist. Ich hatte in meinem Text kurz auch auf einige weitere Reaktorentwicklungen hingewiesen, aber man kann ja schließlich nicht alles lesen, nicht nicht alle Nachweise kennen, nicht weiter nachforschen. Nun ja.

Starke Materialbelastung

Weiter sieht Steinhilber ein »Problem der starken Materialbelastung durch hohe Reaktivität«. Was er damit konkret meint, bleibt leider im Dunkeln. Ich weiß es nicht, und ob Steinhilber wirklich weiß, wovon er spricht, weiß ich auch nicht. Möglicherweise hilft auch in dieser Frage ein Blick nach Russland. Dort ist der Schnellreaktor BN-600 seit immerhin 39 Jahren in Betrieb, und vielleicht kann man dort etwas zum »Problem der starken Materialbelastung durch hohe Reaktivität« etwas sagen.

Was ist eigentlich Atommüll?

Jochen Steinhilber könnte einwenden, der BN-600 nutze ja gar keinen Atommüll, sondern lediglich das überall im Erdboden reichlich vorkommende und nur sehr schwach radioaktive Uran-238. Gut, einverstanden. Allerdings hält dies Atomkraftgegner (inklusive der Bundesregierung) keineswegs davon ab, Uran-238, das bei der Anreicherung anfällt, dennoch als Atommüll zu bezeichnen.

Neben dem BN-600 steht die 2014 in Betrieb gegangene BN-800-Anlage. Dieser Schnellreaktor verwertet nicht nur Uran-238, sondern auch Plutonium aus sowjetischen Atomsprengköpfen. Hier ist der Begriff Atommüll zweifellos berechtigt. Bei gebrauchten Brennelementen macht Plutonium den größten Teil der Transurane aus, der ihre Radiotoxizität dominiert. Auch die übrigen Transurane, die sogenannten minoren Aktinoide, lassen sich in Schnellen Reaktoren nutzen, brauchen dafür aber spezielle Brennstoffzusammensetzungen oder metallische Brennelemente.

Mit erhobenem Zeigefinger weist Steinhilber darauf hin, auch die »vermeintlichen Atommüllfresser« produzierten Abfall. Das ist aber nun wirklich keine neue Erkenntnis! Ich habe in meinem Beitrag beschrieben, um welche Art Abfälle es sich handelt: Es sind die Spaltprodukte, die lediglich eine Lagerzeit von wenigen Jahrhunderten erfordern statt Hunderttausende von Jahren. Was an einer Verkürzung der Lagerdauer um 99,9 Prozent schlecht sein soll, erschließt sich mir nicht.

Angeblich »teure und gefährliche« Kernenergie ist weder teuer noch gefährlich

Der nächste Punkt auf Steinhilbers Kritikliste ist die Wirtschaftlichkeit. Er beruft sich auf das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das in einem vielbeachteten Papier behauptet hatte, Kernkraftwerke seien rein betriebswirtschaftlich betrachtet ohnehin ein Verlustgeschäft. Doch einer wissenschaftlichen Prüfung halten diese Behauptungen nicht stand. Das zeigt eine Analyse, die kürzlich in der Fachzeitschrift atw – International Journal for Nuclear Power unter dem Titel »Das DIW-Papier über die „teure und gefährliche“ Kernenergie auf dem Prüfstand« erschienen ist. Weitere Informationen sowie Verweise zum DIW-Papier und zu seiner Widerlegung enthält eine Mitteilung des Nuklearia e. V.

Nein, Jochen Steinhilber, Kernenergiebefürworter bezweifeln die DIW-Studie nicht nur. Sie haben sie wissenschaftlich widerlegt.

Passive Sicherheit hält Reaktor stabil

Steinhilber bezweifelt die Versicherbarkeit neuer Kernkraftwerke. Die potenziell katastrophalen Schäden wären jeder Versicherungsgesellschaft zu hoch, meint er. Ich frage zurück: Wie soll es denn überhaupt zu einem Unfall mit solchen Schäden kommen?

Moderne Kernkraftwerke weisen ein hohes Maß an passiver Sicherheit auf. Das heißt: Selbst wenn der Strom ausfällt und die Kühlung versagt, wie dies in Fukushima der Fall war, bleibt die Anlage in einem sicheren Zustand. Reaktoren der Generation III+ Ausfall kommen mindestens 72 Stunden lang ohne Strom und ohne Personal aus (»Walk-Away-Safety«). In Fukushima hätte das locker gereicht, um die Stromversorgung wiederherzustellen.

Auch natriumgekühlte Schnellreaktoren lassen sich passiv sicher bauen. Das ist keine graue Theorie, sondern wurde 1986 am Experimental Breeder Reactor-II (EBR-II) in einer Serie von Versuchen konkret ausprobiert. Der Dokumentarfilm »Pandora’s Promise« enthält dazu sehenswerte 7:40 Minuten über den Integral Fast Reactor, die auch auf YouTube verfügbar sind.

Der Versatile Test Reactor (VTR), den die USA derzeit entwickeln, arbeitet auf dieser Basis.

Anders als der EBR-II arbeitet der russische BN-800 zwar nicht mit metallischen Brennelementen, sondern verwendet Uran-Plutonium-Mischoxid-Brennstoff (MOX) und ist nicht grundsätzlich vor einer Kernschmelze gefeit. Allerdings ist dies in der Auslegung der Anlage berücksichtigt. Eine Kernschmelze wäre beim BN-800 ein Auslegungsunfall. Die Folgen blieben auf die Anlage beschränkt und würde nicht zu den von Steinhilber unterstellten katastrophalen Schäden führen.

Keine absolute Sicherheit

Absolute Sicherheit bleibe im Zusammenhang mit Atomenergie eine Illusion, meint Steinhilber. Da hat er recht, denn absolute Sicherheit gibt es nirgendwo, auch nicht bei den Erneuerbaren.

Immerhin ist die Sicherheit der Kernenergie höher als die jeder anderen Energiequelle. Betrachtet man die Anzahl der Todesopfer pro Energiemenge, weist die Kernenergie die niedrigsten Werte auf.

Atomausstieg verhindert keinen Bombenbau

Steinhilber warnt vor der Herstellung waffenfähigen Plutoniums, wofür Schnelle Reaktoren genutzt werden könnte. Das ist in der Tat nicht völlig von der Hand zu weisen, denn während das Plutonium aus herkömmlichen Leichtwasserreaktoren sich nicht für Kernwaffen eignet, liefert ein Schnellreaktor relativ reines, waffenfähiges Plutonium-239. In meinem ZEIT-Beitrag hatte ich darauf bereits hingewiesen.

Das ist unbestreitbar ein Risiko. Doch ist dieses Risiko »immens«, wie Steinhilber unterstellt? Ist es derart gewaltig groß, dass es ein K.-o.-Kriterium für Schnelle Reaktoren darstellt? Das sehe ich nicht so.

Eine genaue Überwachung verringert das Risiko. Sie ist Aufgabe der Internationalen Atomenergie-Organisation (International Atomic Energy Agency, IAEA), die im Rahmen ihrer IAEA-Safeguards die Kernkraftwerke ihrer Mitgliedsstaaten überwacht. Dazu gehören Maßnahmen wie Vor-Ort-Inspektionen oder verplompte Kameras, die Livebilder aus den Nuklearanlagen in die IAEA-Zentrale nach Wien übermitteln. Sie sollen sicherstellen, dass kein spaltbares Material abhanden kommt.

Eine weitere Möglichkeit ist die Aufarbeitung der gebrauchten Brennelemente innerhalb des Kernkraftwerks, so dass kein Spaltmaterial durch die Gegend transportiert zu werden braucht. Das Advanced Recycling Center von GE Hitachi Nuclear ist nach diesem Prinzip aufgebaut: Eine zentrale Aufarbeitungsanlage verarbeitet das Material aus den sechs PRISM-Reaktoren des Kernkraftwerks, trennt die Spaltprodukte ab und stellt aus dem Rest frische Brennelemente her.

Advanced Recycling Center. Quelle: GE Hitachi Nuclear

Doch egal, wie gut wir unsere eigenen Reaktoren überwachen: Die Atomwaffenmächte werden so oder so waffenfähiges Material herstellen. Dazu verwenden sie spezielle militärische Reaktoren. Ob es keine oder viele zivile Schnellreaktoren gibt, ändert daran nichts. Und Staaten wie Nordkorea oder der Iran, die sich außerhalb der Weltordnung stellen, werden ohnehin tun und lassen, was sie wollen. Sie werden niemanden um Erlaubnis fragen, die Bombe bauen zu dürfen. Der deutsche Atomausstieg wird sie davon nicht abschrecken, ein Verzicht auf Schnellreaktoren auch nicht.

Die Energiewende nützt dem Klima nicht

Geld sollten wir nicht in die Entwicklung der Kernenergie stecken, warnt Steinhilber, weil dieses dann bei den erneuerbaren Energien fehlen würden. Da ist sie wieder, die irrige Vorstellung, der Klimawandel ließe sich durch erneuerbare Energien aus Sonne und Wind aufhalten.

Zwei Jahrzehnte lang hatten die Erneuerbaren ihre Chance. Gefördert wurden sie mit dreistelligen Milliardenbeträgen, für die wir eine ganze Flotte von Kernreaktoren hätten bauen können, auch die superteuren. Wir hätten aus der CO₂-intensiven Braunkohle aussteigen können!

Die erneuerbaren Energien haben ihre Chance nicht genutzt. Deutschlands CO₂-Emissionen sind immer noch sehr hoch. Eine grundlegende Änderung ist nicht abzusehen, denn die volatilen Erzeuger Sonne und Wind brauchen zuverlässige Backup-Kraftwerke für Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.

Diese Backup-Kraftwerke könnten nuklear und CO₂-frei sein, aber das ist ja nicht gewünscht. Daher werden Reserevekraftwerke mit Kohle oder Gas befeuert und sind folglich CO₂-intensiv. Kein Wunder, dass unsere CO₂-Emissionen hoch sind! Der Vergleich der Emissionen zwischen Deutschland und dem Atomland Frankreich zeigt glasklar, wie sich der CO₂-Ausstoß senken lässt und wie nicht.

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CO₂-Emissionen 2016 in Deutschland (oben) und Frankreich (unten). Quelle: Environmental Progress

Wer es wirklich ernst meint mit einer klimafreundlichen Stromproduktion, der erhält die bestehenden Kernkraftwerke und baut neue, seien es Schnelle Reaktoren oder Leichtwasserreaktoren. Die Energiewende ist weder plausibel, noch sicher, noch bezahlbar.

Nuklear und dezentral in Bürgerhand

Eine dezentrale Versorgung mit Speichern und Produktion in Bürgerhand stellt sich Steinhilber vor, verrät aber nicht, woher die vielbeschworenen Speicher kommen sollen. Wer unbedingt eine dezentrale Versorgung will, kann diese auch mit Klein- und Mikroreaktoren erreichen, die ab Mitte der 2020er Jahre auf den Markt kommen werden, kostengünstig in der Fabrik gefertigt. Das geht natürlich auch in Bürgerhand, zum Beispiel mit einem Genossenschaftsmodell.

Ausnahmen, die die Regel bestätigen

Tschernobyl und Fukushima dürfen auch bei Steinhilber nicht fehlen. Er verkennt, dass die Unfälle nicht durch irgendeine prinzipielle Unbeherrschbarkeit der Kernenergie verursacht wurden, sondern in beiden Fällen durch grobe Fahrlässigkeit. Kernenergie ist sicher. Tschernobyl und Fukushima sind die Ausnahmen, die diese Regel bestätigen.

Ohne Schnelle Reaktoren keine Lösung für den Atommüll

Jochen Steinhilber möchte, so sein Fazit, die neue Debatte um die Kernenergie gern so schnell wie möglich beenden und ins Endlager abschieben. Aber auch den Atommüll wird er dorthin verfrachten müssen, denn eine Lösung hat er ja nicht – nicht ohne Schnelle Reaktoren.


Titelbild: Go-Steine – es gibt mehr als Schwarz und Weiß. Quelle: Selket, Wikimedia-Commons

11 Kommentare zu „Chancen und Risiken der Kernenergie nüchtern abwägen“

  1. Sehr geehrter Herr Klute,
    Sie mögen die Risiken nüchtern betrachten und vergleichen. Was mir aber fehlt, ist die menschliche Komponente im gefährlichem Mix mit wirtschaftlichen Interessen. Es gibt durchaus Reaktoren, die seit langem abgeschaltet gehören, aber keiner tut es, weil die wirtschaftlichen Interessen gewahrt bleiben.
    Die menschliche Sucht nach Reichtum in den Händen verantwortungsloser Reaktorbetreiber und Nutznießer ist ein gewichtiges Argument, von der Kernenergie abzusehen; die Menschheit ist schlicht und ergreifend nicht reif für diese Technologie und den verantwortungsvollen Umgang damit.
    Freundliche Grüße
    Shahid Laiquddin

    1. Bei Ihrem strengen Maßstab bliebe der Menschheit noch nicht einmal das Jagen und Sammeln. Auch dabei wird in die Natur eingegriffen und Tiere ohne Betäubung Leid zugefügt und getötet.

      Ja, ein Blick in die Zeitung bestätigt: Wir haben noch Potential, bessere Menschen zu werden. 😉

      1. Das ist nicht MEIN strenger Maßstab, das sind geplante Abläufe über die sich die Wirtschaft hinwegsetzt und das Leben vieler Menschen auf’s Spiel setzt.
        Habe ich irgendetwas gegen Jäger & Sammler geschrieben? Sie lenken ab!
        Leuten, die hier inkognito schreiben, würde ich normalerweise gar nicht antworten, aber das ist mir dann doch zu dumm, wenn so gar keine Argumente kommen….

        1. So dumm wollte ich gar nicht rüberkommen. Einerseits haben Sie ja recht. Andererseits funktioniert die Kernindustrie seit Jahrzehnten – wundert mich selbst nicht wenig. Von den bösen Kapitalisten mal abgesehen – werden die Mitarbeiter eines KKW nicht alles in ihrer Macht stehende tun, um weder „ihre“ Anlage, noch ihr eigenes Leben, noch ihren Arbeitsplatz oder ihr Zuhause aufs Spiel zu setzen, wohnen die doch alle mit ihren Familien im Umfeld der Anlagen? Das ist die beste Versicherung, die ich mir vorstellen kann.

          Um das vielleicht klarzustellen: Ich bin an sich kein KKW-Fan, aber je älter ich wurde, desto bewusster wurde mir auch, dass die Zivilisation nach einer ganz anderen Pfeife tanzt als der, die ich mir zwischen die Lippen stecken könnte. Damit meine ich nicht die bösen Konzerne, sondern „unfassbare“ zivilisatorische Antriebe, die so gar nicht nach ein paar „kleineren Kollateralschäden“ wie Tschernobyl oder Fukushima fragen.

          1. Um es vorwegzunehmen: Ihrem 2. Abschnitt stimme ich zu 100% zu.

            Dass KW-Mitarbeiter alle Risiken bewerten können und über einen besseren Wissensstand zu den Sicherheits-Fähigkeiten der überwachten Anlage verfügen, bezweifele ich zu 100%. Ich habe Freunde, strikte Kraftwerksgegner, Häuser in Sichtweite eines Kraftwerks ihr Häusle bauen sehen, die mir vollkommen überzeugt weismachen wollten, DIESES Kraftwerk strahlt nicht, wo jedes Kind weiß, dass die kleinste E-Quelle strahlt, wenig aber sie strahlt.
            Außerdem können in Deutschland viele Zweifel mit exorbitanten Gehältern ausgeräumt werden, dafür sind alle Deutsche empfänglich, Stichwort „Neiddebatte“.
            Der gute Hr. Klute mag seine Sichtweisen haben, mich hat er nicht überzeugt, dass KKWs Technologie bietet, die die Menschen im Griff haben; das ist ein sehr theoretischer und damit praxisferner Ansatz, der sämtliche Verantwortung anderen überlässt – sehr bequem.
            Aber offensichtlich gibt es eine Möglichkeit, den Endmüll zu nutzen bzw zu verringern; das ist ein positiver Ansatz.

    2. Die menschliche Komponente fehlt keineswegs: Auch sie ist ein Faktor, der wie jeder andere in einer Risikoabwägung zu erfassen und zu bewerten ist. Ein wesentlicher Beitrag zur Risikominimierung ist die strenge Regulierung der Nuklearindustrie durch die Aufsichtsbehörden.

      Leider verraten Sie nicht, welche Reaktoren Ihrer Meinung nach »seit langem abgeschaltet gehören«, aber ich bin sicher, dass es dazu auch andere Ansichten gibt, insbesondere die der Experten der zuständigen Atomaufsicht.

      Falls Sie aber zufällig die belgischen Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 meinen sollten, dazu finden Sie hier weiter- und tiefergehende Informationen von meiner Nuklearia-Vorstandskollegin Anna Veronika Wendland: https://nuklearia.de/2017/10/27/belgische-rissreaktoren-wie-sicher-sind-tihange-2-und-doel-3-v3/.

  2. Haben Sie den empfohlenen Artikel wirklich gelesen? Ich wundere mich, weil dort genau über menschliches Fehlverhalten und Sorglosigkeit geschrieben wird.
    Warum wundert es mich nicht, dass belgische Untersuchungen bei belgischen Kraftwerken zu positiven Ergebnissen kommen, wohingegen deutsche Standards nicht erfüllt werden.
    Sollte irgendetwas passieren, was niemand hofft, kann man den Hinterbliebenen ja dann erklären, dass belgische Standards erfüllt wurden.
    In Zeiten von EU-Regulierungen und bei dem Verbreitungsgebiet im schlimmsten Fall, wundert es mich, dass sich die EU auf die Aussagen der Belgier verlässt und nicht einschreitet.
    Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

    1. Die Fachleute der deutschen Reaktorsicherheitskommission (RSK) haben ebenfalls die Sicherheit der belgischen Anlagen bestätigt. Aber klar, die »Nuklearexperten« aus Politik, Medien und Bevölkerung können das natürlich sehr viel besser beurteilen. #Ironie

  3. Noch ein kurzer Kommentar von meiner Seite: Ich stimme Ihnen zu, dass es eine sachliche Debatte über Energiepolitik braucht. Und dafür eine nüchterne Beurteilung der Faktenlage notwendig ist. Nur: Die Beurteilung der vorliegenden Fakten kann durchaus unterschiedlich ausfallen – je nachdem, wie Risiken gewichtet werden, für wie belastbar man die bisherigen Erkenntnisse hält oder wie man alternative Energieformen einschätzt. Das kennen wir auch aus anderen Bereichen und hat nichts mit Technikfeindlichkeit oder mit Unkenntnis des aktuellen Wissenstandes zu tun, die gerne unterstellt wird.
    Tatsächlich komme ich in knapp 90 „Zeitzeilen“ zu einem anderen Schluss als sie: Ich setze mit Blick auf den jetzigen Entwicklungsstand der Reaktoren der vierten Generation hinter die von Ihnen getroffenen Aussagen, dass Kerneergie zukünftig sicher(er), sauber(er) und wirtschaftlich sein wird, zumindest ein großes Fragezeichen. Dies mit Blick auf die historische Erfahrung, aber auch mit Blick auf den heutigen technischen Stand. Es mag sein, dass einzelne „neue“ Reaktortypen mit Blick auf Sicherheit, Sauberkeit, Wirtschaftlichkeit Vorteile aufweisen, jedoch kann kein Konzept alle Vorteile auf sich vereinen. Oft stehen die Ziele auch im Widerspruch zueinander. Sie haben sich ja in erster Linie auf den Natrium gekühlten schnellen Reaktor bezogen.Hier gibt es unterschiedliche Erfahrungen: weitgehende störungsfreie Betriebe stehen sehr langen Stillstandszeiten gegenüber, die vor allem auf Probleme bei den Kühlkreisläufen zurückzuführen sind. Die doch recht zahlreichen Natriumbrände mögen kontrollierbar sein (auch wenn die Auswirkungen der Reaktivität von Natrium weiter diskutiert wird), die Betriebsausfälle gehen jedoch – wie die Safeguardproblematik auch – sicher deutlich zu Lasten der Wirtschaftlichkeit. Insgesamt sehe ich mit Blick auf den technischen Stand und die angesetzte Entwicklungsspanne bis zur Marktreife (bis in die 2030er Jahre) die Vorteile einer zukünftigen Nutzung von Kernenergie als gering an. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommen auch die unterschiedlichen Gutachten des Öko-Instituts, zuletzt von 2017.
    Ich habe in meiner Erwiderung geschrieben, dass sich Energiepolitik der gesellschaftlichen Debatte stellen muss. Ich halte das neben der technischen Debatte für eine wichtigen Punkt. Heute gibt es in D keinen nennenswerten gesellschaftlichen Akteur (auch nicht die Energieunternehmen), die einem erneuten Ausstieg aus dem Ausstieg das Wort reden. Und ja, das wird auch auf die Erfahrungen mit Blick auf Tschernobyl und Fukushima zurückzuführen sein (die deshalb in einem Text zur Bewertung der Kernenergie auch nicht fehlen dürfen), aber auch mit den unsicheren Zukunftsaussichten der Kernenergie und den Alternativen, die wir zur Verfügung haben.
    Politik ist letztlich auch immer die Allokation von Ressourcen, seien es finanzielle, gesellschaftliche, wissenschaftliche…etc sowie das Setzen von Anreizen. Und ich komme nach Prüfung der Fakten zum Schluss, dass wir in Deutschland nicht mehr auf Kernenergie setzen sollten. Sie kommen zu einem anderen. Deshalb gibt es eine Debatte.
    Und da zurecht Sachlichkeit von Ihnen eingefordert wird, möchte ich zum Schluss noch kurz erwähnen, dass sie mein Fazit falsch wiedergeben: Ich möchte nicht die Debatte ins Endlager abschieben (habe ich nicht geschrieben und ansonsten wäre ich auch nicht der Einladung der ZEIT gefolgt, zumal des Ressorts „Streit“), sondern ich plädierte dafür, es beim Atomausstieg zu belassen. Darüber kann gerne gestritten werden. Mit den besten Grüßen JS

  4. Ein Wort an die Freunde der Kernenergie: Manch alter Sesselfurzer wie ich echauffiert sich gern über den Lauf der Dinge – an der Tastatur. Eine Kleinigkeit können wir trotzdem leisten: Spenden Sie an diesen Verein! (Abgesehen vom Verfall des Euro: Was wollen wir mit unseren Millionen im Himmel?)

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