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POET Technologies veröffentlicht Jahresabschluß 2015

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Am 2016-03-17 nach Börsenschluß veröffentlichte POET Technologies den konsolidierten Jahresabschluß 2015. Nachdem ein peinlicher Tippfehler bekannt wurde, gab’s am Tag danach eine Korrektur.

English English abstract: On 2016-03-17 after market close POET Technologies published its consolidated annual report for 2015. After an embarrassing typo became known, a correction followed on the next day.

Der POET-Jahresabschluß ist für das Unternehmen eine aufwendige Sache, weil er sowohl nach den Regularien der US-Börsenaufsicht wie auch den der kanadischen Aufsichtbehörde zu erstellen ist. Daher kommt der Jahresabschluß in Form von drei Dokumenten daher:

und

entsprechen den Vorgaben der kanadischen Börsenaufsicht, während

die Variante für die US-Börsenaufsicht SEC ist. Die PDF-Fassung des 20-F umfaßt 107 Seiten und enthält damit grob überschlagen etwa zwei- bis dreimal soviel Informationen wie die kanadischen Dokumente zusammen. Das ist den strengeren Vorgaben der SEC für Unternehmen geschuldet, die an der Nasdaq oder einer höherwertigen Börse gelistet sind oder – wie POET Technologies – dies über kurz oder lang vorhaben. So legt ein Unternehmen im 20-F ausführlich sein Geschäftsmodell dar und erläutert, was es tut und womit es sein Geld verdient oder verdienen will.

Um das Geschäftsmodell von POET Technologies soll es in diesem Beitrag aber nicht gehen. Dazu verweise ich auf meine bisherigen Artikel, zum Beispiel »Voll im Plan – erstes Produkt soll 2016 kommen« und auf die dort verlinkten Artikel. Im 20-F kann man das Geschäftsmodell von POET Technologies im Kapitel „Information on the company“ nachlesen.

Was gibt’s Neues?

An dieser Stelle beschränke ich mich auf die wesentlichen und für den informierten Anleger neuen Fakten. Dazu habe ich das 20-F mit der Vorjahresversion verglichen. In den kanadischen Dokumenten habe ich lediglich die eine oder andere Information gezielt nachgeschlagen.

Risiken

Ausführlich stellt POET Technologies im 20-F die Risiken dar. Da kann einem beim Lesen richtig schlecht werden. Wer sich den Beipackzettel eines Medikaments anschaut, kennt den Effekt: Bei derart vielen möglichen Nebenwirkungen ist man nach Einnahme des Medikaments bestimmt so gut wie tot, glaubt man. Nach dem Durchackern von zehn Seiten Risikoanalyse könnte man denken, das Unternehmen sei praktisch pleite und käme niemals auf einen grünen Zweig.

Das sollte man mit Augenmaß sehen. Menschen tun sich mit dem quantitativen Einschätzen von Risiken schwer. Das reine Vorhandensein eines Risikos sagt ja noch gar nichts darüber aus, wie groß oder wie klein dieses Risiko ist. Letzteres versucht das 20-F allerdings gar nicht erst – und braucht es auch nicht zu tun. Ich persönlich gehe jedenfalls davon aus, daß die Chancen die Risiken bei weitem übersteigen.

Die ausführliche Darstellung der Risiken ist so gewollt und soll ein Unternehmen vor eventuellen Anlegerklagen schützen. Niemand soll hinterher sagen können, dieses oder jenes habe er aber nicht gewußt, er sei nicht gewarnt worden.

Die im 20-F beschriebenen Risiken unterscheiden sich substantiell nur in einem Punkt von denen des Vorjahresdokuments. Viele Formulierungen wurden angepaßt, um dem neuen Geschäftsmodell zu entsprechen, das nicht mehr nur auf Lizenzeinkünfte setzt, sondern auf eine Kombination aus Produktverkäufen und Lizenzzahlungen.

Die Zahlen

Bei den Angaben zu den Finanzen muß man darauf achten, von welcher Währung gerade die Rede ist. Beispielsweise führt POET Technologies die Rechnungslegung grundsätzlich in US-Dollar (USD) durch. Basispreise für Warrants und Options sind jedoch typischerweise, aber nicht immer, in kanadischen Dollar (CAD) angegeben. Also aufgepaßt!

Wie erwartet erzielte das Unternehmen auch in 2015 noch keine Einkünfte. Der Verlust lag mit 12,8 Mio. USD leicht über dem von 2014 (11,8 Mio. USD). Durch die höhere Anzahl von Aktien verringerte sich der Verlust pro Aktie von 0,08 USD auf 0,07 USD. Am 2015-12-31 hatte POET Technologies gut 14,5 Mio. USD in der Kasse. Die Verbindlichkeiten beliefen sich auf rund 0,5 Mio. USD.

Im laufenden Jahr spülte die Ausübung von 2.686.947 Warrants und 628.000 Optionen bis zum 2016-02-22 weitere knapp 2,0 Mio. USD in die POET-Kasse. Das heißt umgekehrt jedoch, daß von den 7.249.932 Warrants, die Mitte Februar abliefen, bedingt durch den niedrigen Aktienkurs mindestens 4.562.985 nicht ausgeübt wurden.

Für POET-Aktionäre ist das eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute ist, daß die Verwässerung, zu der die Ausübung dieser Warrants geführt hätte, nun entfällt. Schlecht ist, daß das Geld in der POET-Kasse fehlt. Allerdings werden die vorhandenen Mittel nach Einschätzung des Managements für 2016 und darüber hinaus reichen. Da man zudem in diesem Jahr mit ersten Einkünften rechnet, dürften die nicht ausgeübten Warrants verschmerzbar sein und die positiven Aspekte überwiegen.

Gegenwärtig stehen 1,116.051 Warrants aus. Sie werden alle noch in diesem Jahr ablaufen, die letzten 500.000 am  2016-09-27. Ihr Basispreis liegt bei etwa 0,23 USD, so daß sie wohl ausgeübt werden dürften.

Zum 2015-12-31 waren 26.718.500 Mitarbeiteroptionen offen. Es wären 225.000 mehr gewesen, wäre Sheldon Inwentash nicht im August aus dem Board of Directors ausgeschieden. Diese Optionen Inwentashs hat das Unternehmen annulliert.

Weitere Informationen enthält die Tabelle „Warrant and options“ in meinem Google-Drive.

Optoelektronik statt Altlasten

Anders als in den Vorjahren präsentiert  sich POET Technologies nicht mehr nur als Halbleiterunternehmen mit einer besonders schnellen und stromsparenden Technik, die elektronische und optische Bauelemente miteinander integriert, sondern definiert sich jetzt über das Zukunftsthema Optik. POET bezeichnet sich als Entwickler optoelektronischer und photonischer Herstellungsverfahren und betont den technischen Vorsprung in puncto Skalierbarkeit und Kostenvorteilen gegenüber anderen Photoniklösungen.

Da das 20-F drei Jahre zurück in die Vergangenheit reicht, sind Themen aus 2012 oder älter, die heute nicht mehr relevant sind, aus dem Dokument verschwunden. Dazu zählen auch die solaren Altlasten der ehemaligen OPEL Technologies. Das Wort »Solar« kommt noch in der Firmenbezeichnung »OPEL Solar, Inc.« vor. Dieses US-Unternehmen ist eine hundertprozentige Tochter von POET Technologies. OPEL Solar Inc. wiederum hält sämtliche Aktien (alle fünf) der ODIS Inc., die die Entwicklung der POET-Plattform durchführt.

Mehr Geld für F&E-Dienstleister

Um 168 Prozent, nämlich von 582.943 USD in 2014 auf 1.560.819 USD in 2015, stiegen die Ausgaben für Forschungs- und Entwicklungsdienstleister. Die Entwicklung der VCSEL-Technik erforderte Prüfungen und Tests durch Partnerunternehmen wie Anadigics, Epiworks, Intelligent Epitaxy Technology (IntelliEPI) und Wavetek. POET ist zu einem Outsourcing-Modell übergegangen und vergibt Forschungs- und Entwicklungsaufgaben auch an Dritte, um schneller zum Ziel zu kommen. Die eigene Mannschaft umfaßt ja auch nur zehn Vollzeitmitarbeiter und fünf Externe, inklusive Firmenleitung.

Für 2016 sieht POET Technologies bei Forschung und Entwicklung drei Schwerpunkte:

  • Weiterentwicklung und Vergrößerung des Patent-Portfolios
  • Vereinfachung der Einführung der POET-Technik in optoelektronische Produkte, etwa durch Weiterentwicklung der PDKs
  • Weiterführung der Lab-to-Fab-Transition durch Evaluierung weiterer möglicher Epitaxie- und Foundry-Partner

PDK-Entwicklung mit Synopsys und Coventor

Neben IntelliEPI nennt POET Technologies auch Coventor erstmals als Partnerunternehmen, und zwar im Zusammenhang mit der PDK-Entwicklung. PDK steht für „Process Design Kit“. Es dient Chip-Entwicklern dazu, Chips am Computer virtuell aus einzelnen Komponenten zusammenzubauen und zu simulieren. Das Ergebnis geht anschließend weiter in die Foundry, die die Chips »in echt« herstellt. Während sich Synopsys vor allem um den ersten Teil kümmert, fokussiert sich Coventor auf den zweiten Teil dieser Wertschöpfungskette, also auf die Produktion.

POET Technologies sagt zwar nichts Näheres, aber ich vermute, daß POET die Software SEMulator3D von Coventor einsetzt, denn SEMulator3D simuliert die Abläufe in einer Fab. Das heißt, bevor man echte Wafer in echte Produktionsmachinen steckt, um daraus Chips herzustellen, führt man den gesamten Vorgang zunächst in einer Simulation durch. Das ist sehr hilfreich, weil sich verschiedene Produktionsparameter auf komplexe Weise gegenseitig beeinflussen und auch für den erfahrenen Experten nicht unbedingt intuitiv zu durchschauen sind. Mit SEMulator3D baut man die Produktion virtuell auf, spielt sie mit verschiedenen Parametern durch und dreht solange an den Einstellungen, bis das Ergebnis paßt.

Damit geht es dann in die reale Produktion. Zwar kann und wird es dort immer noch gewisse Unterschiede zwischen simulierten und tatsächlichen Ergebnissen geben, die ein Nachsteuern erfordern. Mit Hilfe der Simulation gelangt man aber viel schneller und billiger in die Nähe dessen, wohin man letztlich will.

Coventor und IntelliEPI sind nun auch in der Übersicht »Das POET-Universum« enthalten.

Anadigics ist draußen

Anadigics ist aber offenbar nicht mehr an der Entwicklung beteiligt. Der Wechsel des Produktionspartners von Anadigics zu Wavetek erfolgte wohl nicht nur unter dem Eindruck für eine Massenproduktion zu geringer Anadigics-Kapazitäten. Das Übernahmeangebot für Anadigics durch II-VI und die nachfolgende Bieterschlacht mit einem ungenannten chinesischen Unternehmen verschreckte POET anscheinend so gründlich, daß das Unternehmen aufgrund »potentieller operativer Unsicherheiten« schneller als geplant zu Wavetek umschwenkte. Der Wechsel brachte zwar den Zeitplan etwas durcheinander, POET Technologies ist aber zuversichtlich, die verlorene Zeit aufzuholen und die für das erste Quartal geplanten Ergebnisse pünktlich fertigzustellen – und zwar im ersten Quartal 2016, nicht erst 2017. Ob gegenwärtig überhaupt noch irgendwelche Aktivitäten mit Anadigics laufen, ist unklar.

Keine Zusammenarbeit mehr mit BAE Systems

BAE Systems war für die Entwicklung der POET-Technik im Rahmen gemeinsamer Projekte von großer Bedeutung, hat diesen Rang jedoch mit dem Wechsel zunächst zu Anadigics und später zu Wavetek inzwischen verloren. Es gibt zwar eine noch bis 2023 laufende Vereinbarung über gemeinsame Entwicklungen auf Basis der POET-Technik und über die Aufteilung von Lizenzeinnahmen, doch hat es solche Entwicklungen nie gegeben – und POET Technologies rechnet auch künftig nicht damit.

Militärische Anwendungen

Unklar ist, ob oder was POET Technologies in der Rüstungstechnik tut. Gut, Unklarheiten und Geheimhaltung liegen hier zweifellos in der Natur der Sache. Nebulös führt POET aus, das Militär seien die ersten gewesen, die die revolutionären Eigenschaften der POET-Technik erkannt hätten, und dieses Erkennen halte bis heute an. Mit Mohandas Warrior hat POET Technologies immerhin einen Rüstungsexperten als Direktor an Bord.

Als Beispiele militärischer Anwendungen nennt POET Infrarot-Sensorarrays und integrierte Hochfrequenz-Mikrowellenschaltkreise. Von der Prüfung der POET-Technik zum Einsatz in einer NASA-Raumsonde und von einer Prototypentwicklung für das Air Force Research Laboratory (AFRL) ist allerdings nicht mehr die Rede.

Ob und wann militärische Produkte kommen werden, ist also offen. Wesentlich konkreter und berechtigter sind die Erwartungen an die nächsten Schritte, nämlich die Fertigstellung von VCSEL und Detektor durch Wavetek. Das dürfte in den nächsten Tagen oder Wochen passieren und hoffentlich zeitnah eine Mitteilung nach sich ziehen.


In eigener Sache

Meine Blogbeiträge zu POET Technologies sind kostenlos und sollen es möglichst auch bleiben. Informationen zu recherchieren, aufzubereiten und Beiträge zu schreiben, kostet jedoch einiges an Zeit und Aufwand. Wenn dir das Ergebnis etwas wert ist, dann freue ich mich nicht nur über Feedback, sondern auch über die Überweisung eines Betrags deiner Wahl auf das Konto IBAN DE93360100430323898437, BIC PBNKDEFF. Betreff: POET-Blog. Vielen Dank!


Bitte beachten Sie die Hinweise zu Risiken und zum Haftungsausschluß!

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