Schilddrüsenkrebs in Fukushima? Studie wirft Fragen auf

Eine neue Studie sieht einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen in Fukushima und dem Reaktorunglück im Jahr 2011. Was ist davon zu halten?

Nach dem Nuklearunfall in Fukushima fand das Thema Schilddrüsenkrebs immer wieder Aufmerksamkeit. Wie man spätestens seit dem Tschernobyl-Unglück weiß, lagert sich das freigesetzte Jod-131 konzentriert in der Schilddrüse an. Die Radioaktivität von Jod-131 ist zudem dank seiner kurzen Halbwertszeit von nur acht Tagen recht hoch, so  daß hier ein deutliches Gefährdungspotential gegeben ist, vor allem für Kinder und Jugendliche.

Nach den radiologischen Freisetzungen in Fukushima hatten die japanischen Behörden Maßnahmen ergriffen, um die Aufnahme von Jod-131 zu unterbinden oder wenigstens zu minimieren. Bisherige Untersuchungen zeigten denn auch keine Auffälligkeiten. Alarmistische Meldungen über höhere Fallzahlen in Fukushima beruhten auf dem Screening-Effekt. Der stellt sich dann ein, wenn man besonders viele Menschen besonders genau untersucht, denn dann findet man auch solche Fälle, die sonst niemand bemerkt hätte.

Die neue Studie „Thyroid Cancer Detection by Ultrasound Among Residents Ages 18 Years and Younger in Fukushima, Japan: 2011 to 2014“ von Toshihide Tsuda, Akiko Tokinobu, Eiji Yamamoto und Etsuji Suzuki behauptet nun, eine Häufung von Schilddrüsenkrebsfällen bei Kindern und Jugendlichen in Fukushima gefunden zu haben, die sich nicht allein durch den Screening-Effekt erklären lassen.

Wie die Japan Times berichtet, ist die Studie aber keineswegs unumstritten. »Voreilig«  nennt  beispielsweise der Epidemiologe Shoichiro Tsugane vom Nationalen Krebszentrum die Ergebnisse. Ohne die Daten der radiologischen Expositionen heranzuziehen, könne man keinen spezifischen Zusammenhang zwischen Strahlung und der Häufigkeit von Neuerkrankungen (Inzidenz) ausmachen. Er weist auch auf den weltweiten Trend einer Zunahme der Überdiagnose von Schilddrüsenkrebs hin.

Erhebliche Zweifel an der Studie äußert auch der von mir um eine Stellungnahme gebetene Niedrigstrahlungsexperte Mohan Doss. Er findet die Daten seltsam. Wenn die Schilddrüsenkrebshäufigkeit in Fukushima im Vergleich zu externen Kontrollgruppen im Mittel tatsächlich um das 30-fache angestiegen sei, dann müsse es innerhalb der Präfektur wegen der unterschiedlichen Jod-131-Belastungen erhebliche Schwankungen des Inzidenzratenverhältnisses (Incidence Rate Ratio, IRR) geben. In kaum kontaminierten Gebieten erwartet Doss unter den Annahmen der Studie eine nicht oder nur geringfügig höhere Krebsinzidenz (IRR ≈ 1), in mittel kontaminierten Gebieten ein IRR von etwa 30 und in stark kontaminierten Gegenden ein sehr viel höheres Inzidenzverhältnis (IRR ≫ 30). Das sei aber nicht der Fall. Vielmehr sehe die Studie überall ein IRR von ungefähr 30, unabhängig von den tatsächlichen radiologischen Expositionen der Menschen. Er traue daher weder den Daten der Studie noch den Schlußfolgerungen der Autoren, so Moss.

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