Waffen-Plutonium aus zivilen Kernreaktoren? Wohl kaum!

Die Tageszeitung »Die Welt« veröffentlichte heute den Artikel »Arbeitet die Türkei heimlich an der Atombombe?«, in dem Autor Hans Rühle, von 1982 bis 1988 Leiter des Planungsstabes im Verteidigungsministerium, das Kernenergieprogramm der Türkei kritisch unter die Lupe nimmt.

Die Türkei will, wie Rühle schreibt, mit Hilfe des russischen Nuklearkonzerns Rosatom Kernkraftkapazität von insgesamt 4.800 Megawatt errichten. Was Rühle nicht erwähnt: Es handelt sich um vier Leichtwasserreaktoren vom Typ WWER-1200 die in Akkuyu gebaut werden.

Transport des Druckbehälters eines WWER-1200-Reaktors (Quelle: Izhorskiye Zavody JSC)

Der WWER-1200 ist das aktuelle Flaggschiff von Rosatom, ein Leistungsreaktor mit einer Menge passiver Sicherheit inklusive Kernfänger. Mit WWER-1200-Reaktoren hätte Fukushima-Daiichi Tsunami und Stromausfall ohne größere Probleme überstanden. Und den Namen »Fukushima-Daiichi« hätten wir längst vergessen, oder er hätte es gar nicht erst in unser Bewußtsein geschafft – so, wie die wenigsten Zeitgenossen etwas mit »Fukushima-Daini« oder »Onagawa« anfangen können. Nebenbei: Gerade heute hat Südafrika bei Rosatom acht Reaktoren eben dieses Typs bestellt.

Doch zurück zum Türkeiartikel. Im Zuge seiner Betrachtung versteigt sich Rühle zu der Behauptung, aus dem Plutonium, das in zivilen Leichtwasserreaktoren als »Atommüll« anfällt, könne man Atombomben bauen und genau das habe die Türkei vor:

Die Türkei hingegen will ihre verbrauchten Brennelemente offenkundig gar nicht hergeben. Die einzige logische Erklärung dafür: Sie will Vorbereitungen treffen für den Bau einer Plutoniumbombe.

Ich weiß nicht, ob die Türkei Atombomben bauen will oder nicht. Was Rühle die »einzige logische Erklärung« nennt, ist es allerdings gerade nicht. Ich habe das ein wenig in einem Kommentar zum Artikel erläutert, den die »Welt« aber leider nicht freigeschaltet hat. Vermutlich fand der zuständige Redakteur ihn zu scharf oder er paßte inhaltlich nicht ins Konzept.

Na gut, wenn die »Welt« meinen Kommentar nicht veröffentlichen mag, dann mache ich das halt hier. Könnte ja sein, das er für den einen oder anderen Leser von Interesse ist:

Wow, der Autor zeichnet sich durch eine unglaubliche Unkenntnis über Kernenergie im Allgemeinen und Plutonium im Besonderen aus.

Der Unterschied zwischen Plutonium aus zivilen Leichtwasserreaktoren (reactor-grade) und waffenfähigem Plutonium (weapons-grade) ist ihm offensichtlich nicht bekannt. Zur Erklärung: Plutonium aus zivilen Reaktoren enthält viel zu viel nicht spaltbares Plutonium-240, was der Bombenbauer weder mag noch von dem von ihm gewünschten spaltbaren Plutonium-239 abtrennen kann. Er könnte die Mischung einfach liegenlassen, weil das nicht spaltbare Plutonium-240 viel schneller als das spaltbare Plutonium-239 zerfällt. Mit ein bißchen Abwarten hätte er dann nach bereits rund 9000 Jahren waffenfähiges Material beisammen. Das spricht übrigens gegen die Endlagerung gebrauchter Brennelemente. Da wäre es doch besser, das Material in Schnellen Reaktoren als Brennstoff zu nutzen und CO2-freien Strom daraus zu gewinnen!

Seine Unkenntnis demonstriert der Autor weiter durch die Behauptung, gebrauchte Brennelemente enthielten 90 Prozent Abfall. In Wahrheit sind es gerade einmal vier Prozent. Der Rest, also fast alles, läßt sich wiederverwerten, was Deutschland aber nicht will und Deutschland nicht weiß.

Aus Falschem folgt bekanntlich Beliebiges, und so ist es auch mit diesem Artikel. Man darf ihn und seine Schlußfolgerungen getrost vergessen. Oder ihn als Beispiel für unglaublich schlechte Recherche und mangelnde Sachkompetenz zitieren. Schade, daß die WELT so einen Unsinn veröffentlicht!

3 thoughts on “Waffen-Plutonium aus zivilen Kernreaktoren? Wohl kaum!”

  1. Huhu Rainer,

    ja, es ist ziemlich scharf formuliert – aber zutreffend!😉

    „nicht spaltbares Plutonium-240, was der Bombenbauer weder mag noch von dem von ihm gewünschten spaltbaren Plutonium-239 abtrennen kann.“

    Hier hätte ich eine etwas vorsichtigere Formulierung gewählt – denn die Separation ist zwar sehr schwierig (da nicht chemisch realisierbar) aber nicht völlig unmöglich, da ein physikalisches Isotopentrennungsverfahren z. B. durch Zentrifugieren gewählt werden kann. Da dies sehr aufwändig ist, wird ein angehender Bombenkonstrukteur einen spezialisierten Reaktor zur Plutoniumproduktion nutzen und nicht versuchen, das Pu239 aus Brennstäben zu extrahieren.

    1. Genau. Oder er würde Uran-235 anreichern. Das ist schon ziemlich aufwendig und dürfte kaum unbemerkt zu bewerkstelligen sein. Es ist wegen der drei Neutronen Unterschied zwischen U-235 und U-238 aber immerhin einfacher als bei nur einem Neutron Unterschied zwischen Pu-239 und Pu-240. Außerdem ist Uran in der Handhabung viel unkomplizierter und ungefährlicher, weil es nur schwachradioaktiv ist, während die gebrauchten Brennelemente hochradioaktiv sind und hammermäßig strahlen.

  2. Gem. der traditionellen Kerntechnik/Kernphysik ist 240Pu sehr gut durch die schnellen Neutronen eines Kernsprengkörpers spaltbar.

    Eine Problematik liegt gem. der Kerntechnik in den Spontanspaltungen des 240Pu. Diese können mit einer erheblichen Wahrscheinlichkeit zu einer Frühzündung und damit wirkungsschwachen Verpuffung führen.

    Eine weitere Herausforderung bei der Nutzung von Reaktorplutonium liegt in der starken Wärmeentwicklung des 238Pu (Hwz 87 Jahre). Konventionelle Sprengstoffe (zur Zündung) isolieren recht gut. TNT schmilzt bei 80°C. Pu erfährt bei 122°C eine Phasenumwandlung von alpha zu Delta Pu.

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