Holz

Wie ihr wißt, schreibe ich hier gelegentlich (und auf Twitter häufig) über Kernenergie. Natürlich ist Kernenergie nicht die einzige Möglichkeit, Strom zu erzeugen. Über eine ganz spezielle Energieart soll es in diesem Beitrag gehen: Holz. Zu diesem Thema erschien im April der Artikel „Wood: The fuel of the future –Environmental lunacy in Europe“ im Economist, auf den ich mich hier stütze, auf Deutsch zusammenfasse und sehr empfehle.

Holzverfeuerung – laut EU klimaneutral

Holz zählt in der Europäischen Union zu den erneuerbaren, CO2-armen und damit klimafreundlichen Energien und wird entsprechend gefördert. Das muß ich erklären, denn normalerweise käme ja niemand auf die Idee, Holz als CO2-arm zu bezeichnen. Der Gedanke, der dahintersteckt, ist dieser: Zwar werden beim Verbrennen von Holz große Mengen Kohlendioxid frei, aber wir pflanzen zum Ausgleich dafür Wälder an, und die neuen Bäume holen das CO2 wieder aus der Atmosphäre heraus und wandeln es in Holz um oder, wie es im offiziellen Sprachgebrauch heißt: in Biomasse.

Holz ist laut EU und laut erstem Anschein also CO2– und klimaneutral und deshalb förderungswürdig. Und weil 20 Prozent des in der EU produzierten Stroms bis 2020 aus erneuerbaren Quellen stammen müssen, spielt Holz eine wichtige Rolle und ist sehr willkommen. Denn mit Sonne, Wind und Wasser allein ist dieses Ziel nicht zu erreichen.

Mit Holz geht das auch sehr viel billiger als mit den klassischen Erneuerbaren. Denn während man für Windkraft teure, großflächige Windparks errichten und für Sonnenenergie teure, großflächige Photovoltaikanlagen installieren muß, kann man Holz einfach als Beimischung in normalen Kohlekraftwerken verfeuern. Co-Firing nennt man das. Und wenn Wind- und Solarfreunde bestreiten, daß die von ihnen benötigten Anlagen teuer sind (um den großen Flächenbedarf kommen sie nicht herum): Co-Firing ist allemal billiger, denn am Kraftwerk sind dazu nur geringe Modifikationen nötig. Aus Betreibersicht noch besser: Alte Kraftwerke, die aufgrund hoher Emissionen eigentlich ausgemustert werden müßten, dürfen mit »umweltfreundlicher« Holzfeuerung weiterlaufen. Anders als für Sonne und Wind braucht man für Holz auch keine Backup-Kapazitäten vorzuhalten, denn Holz kann man auch nachts und bei Windstille verfeuern.

Holz statt Kohle? Das bringt Kohle!

Bis 2011 spielte Holz als Brennstoff nur eine untergeordnete Rolle. Dann aber stellte RWE sein Kraftwerk Tilbury B in England komplett auf die Verfeuerung von Holzpellets um.

 Kraftwerk Drax, North Yorkshire, England

Drax, eines der größten Kohlekraftwerke Europas, will drei seiner sechs Blöcke ebenfalls vollständig auf Holz umstellen. Und das rechnet sich: Drax wird ab 2016 jährlich 12,5 Terawattstunden (TWh) Elektrizität erzeugen und pro Megawattstunde (MWh) 45 britische Pfund (53,65 Euro) an Subventionen einstreichen. Nach Adam Riese macht das gut 560 Millionen Euro aus – zusätzlich zu den Erlösen aus den verkauften Strommengen. Zum Vergleich: Drax hatte für 2012 einen Vorsteuergewinn von umgerechnet 226 Millionen Euro ausgewiesen. Allein die Subventionen belaufen sich also auf mehr als das Doppelte!

 Holzpellets

Europa kann den Holzbedarf der Kraftwerke nicht mehr decken. Die Kraftwerksbetreiber kaufen also nicht nur in Europa, sondern in aller Welt Holz auf. Das bekannte Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage läßt die Holzpreise kräftig in die Höhe schießen. Die holzverarbeitende Industrie wie Sägewerke, Papier- und Zellstoffproduzenten oder Möbelhersteller leiden unter erheblichem wirtschaftlichem Druck.

Gut für’s Klima? Ach wo!

Wenn das alles wenigstens gut wäre für Umwelt und Klima! Ist es aber nicht. Die Holzverfeuerung ist nämlich keineswegs klimaneutral.

Zum einen ist da das bei der Verbrennung freigesetzte Kohlendioxid. Gut, es soll durch verwaltete, nachwachsende Wälder wieder eingefangen werden. Doch selbst, wenn das wie geplant funktionieren sollte: Was nützt es uns heute? Gar nichts! Im Gegenteil: Heute verlieren wir Wälder, verlieren wir Sauerstoffproduzenten. Heute blasen wir CO2 in die Luft, heute beschleunigen wir den Klimawandel. Viel besser wäre es, Strom so zu gewinnen, daß das gar nicht erst passiert. Die drei CO2-ärmsten Optionen sind Windkraft, Wasserkraft und Kernkraft. Alle anderen verursachen deutlich höhere CO2-Emissionen – ja, auch Solarenergie. Und wenn wir uns auf stabile Energiequellen beschränken, die rund um die Uhr zuverlässig Strom liefern, bleiben ohnehin nur Wasserkraft und Kernkraft.

Zurück zum Holz und zur fehlenden Klimaneutralität: CO2-Emissionen entstehen nicht nur bei der Verfeuerung. Es kommen erhebliche Mengen hinzu, die freigesetzt werden beim Fällen der Bäume, beim Transport des Holzes über teilweise sehr weite Strecken und bei der durchaus aufwendigen Verarbeitung zu Pellets.

Insgesamt gesehen ist die ganze Sache nichts weiter als eine teure und schädliche klimapolitische Augenwischerei auf Kosten des Steuerzahlers und der Umwelt. Holzverfeuerung ist nicht klimaneutral, und die Subventionen behindern die Entwicklung wirklicher Lösungen.

Update: Studie zu Biomasse aus Australien (2013-06-23)

Passend zum obigen Beitrag sei auf einen Blogpost von Geoff Russel verwiesen, der weitere Aspekte ergänzt. Er analysiert eine Studie aus Australien, in dem der Australian Energy Market Operator (AEMO) das Szenario einer hundertprozentigen Energieversorgung aus Erneuerbaren Energien entwirft. Biomasse spielt dabei eine wesentliche Rolle. Das würde nicht nur zu Transporten von jährlich 50 Millionen Tonnen pflanzlichem Materials führen, sondern auch zu einem massiven Verlust an Mineralien, die dem Boden entzogen werden. Und: statt für jeweils 1,1 Terawattstunden Elektrizität 40.000 Lastwagen mit je 25 Tonnen Biomasse durch die Gegend fahren zu lassen, täten es auch 2 Tonnen Uranbrennstoff, für die ein Minivan reicht – ein kleiner.

Update: RWE schließt Kraftwerk Tilbury (2013-07-08)

RWE schließt sein Holzkraftwerk Tilbury Ende Oktober. Die Strompreise hätten sich nicht so entwickelt wie erhofft, und das Kraftwerk sei nicht rentabel zu betreiben. Auf die übrigen Biomasse-Projekte habe dies keine Auswirkung.

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