Strahlenschutz der Realität anpassen!

Das Reaktorunglück im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi und die radioaktiven Freisetzungen zwangen 160.000 Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. 70.000 von ihnen dürfen auch jetzt noch nicht in ihre Häuser zurück.

Grundlage für Evakuierungsmaßnahmen sind Strahlenschutzvorschriften. Deren Grundgedanke ist es, Strahlenbelastungen der Menschen möglichst zu vermeiden. Daher evakuiert man lieber zu früh als zu spät. Allerdings bedeuten auch Evakuierungsmaßnahmen eine Belastung für die Betroffenen. So starben in Fukushima 1.100 Menschen an den Folgen der Evakuierung.

Durch die Strahlung hingegen kam niemand ums Leben, auch nicht im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi selbst. Die Frage ist also berechtigt, ob die Evakuierungsmaßnahmen nicht mehr Schaden als Nutzen angerichtet haben. Wenn man dies bejaht, schließt sich die nächste Frage an: Wie hoch darf die Strahlenbelastung sein, um unterhalb der Evakuierungsbelastung zu bleiben?

Dr. Jerry Cuttler beschäftigt sich in seiner Forschungsarbeit seit über 15 Jahren mit den gesundheitlichen Folgen von Niedrigstrahlung, also Strahlung in der Größenordnung, wie sie in Fukushima und anderswo in der Welt auftritt. In seinem Paper Commentary on Fukushima and Beneficial Effects of Low Radiation faßt er die Ergebnisse internationaler Forschungen zusammen und gibt einen Überblick über den aktuellen Wissensstand.

Das Ergebnis dürfte manchen überraschen: Der Mensch ist für deutlich höhere Strahlendosen geschaffen, als allgemein angenommen wird.

Cuttler fordert, die Strahlenschutzvorschriften der Realität anzupassen und denkt an den von der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP) im Jahr 1934 ursprünglich festgelegten Grenzwert von 0,2 r/d, was umgerechnet etwa 680 mSv/a (Millisievert pro Jahr) entspricht. Zum Vergleich: Die deutschen Strahlenschutzvorschriften legen eine effektive Dosis von 20 mSv/a für beruflich strahlenexponierte Personen fest und 1 mSv/a für die allgemeine Bevölkerung.

Cuttlers Aufsatz erschien in der März-Ausgabe 2013 des Canadian Nuclear Society Bulletin und ist nun frei verfügbar. Ich übersetze hier die Zusammenfassung:

»Zwei Jahre, nachdem 160.000 Menschen aus Fukushima evakuieren mußten, dürfen 70.000 bis heute nicht zurückkehren. Die 1.100 Opfer der Evakuierungsanordnung zeigen, daß diese Vorsichtsmaßnahme, die die Krebsrisiken minimieren sollte, keineswegs »konservativ« war. Hier werden aktuelle Studien untersucht hinsichtlich der Auswirkungen radioaktiver Freisetzungen und hinsichtlich des Nutzens medizinischer Strahlenanwendungen, die bis zu den 1950er Jahren durchgeführt wurden – bevor die Strahlungsangst entfesselt wurde. Aktuelle Forschungen beleuchten die hohe Anzahl spontaner Doppelstrangbrüche in der DNS und den adaptiven Schutz in Zellen, Gewebe und Menschen – ein Schutz, der durch Niedrigstrahlung verstärkt wird. Diese Verteidigungsmechanismen schützen; sie reparieren, entfernen und ersetzen Schäden sämtlicher Ursachen einschließlich externer Einwirkungen. Die Krebssterblichkeit wird reduziert. Das ICRP-Konzept des Strahlungsrisikos ist falsch. Es sollte auf den Stand von 1934 zurückgesetzt werden, das eine Dosis von 0,2 r/d erlaubte – auf der Grundlage von 35 Jahren medizinischer Erfahrung.« [0,2 r/d (Röntgen pro Tag) sind umgerechnet etwa 680 mSv/a.]

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