Rainers Blog

Archiv für die Kategorie ‘Politik’

ACTA ad acta!

Geschrieben von Rainer Klute - 2012-02-12

Für Demokratie und Meinungsfreiheit und gegen ACTA gingen heute, am 2012-02-11, europaweit wohl Hunderttausende auf die Straße. ACTA, das »Anti-Counterfeiting Trade Agreement«, ein internationales Handelsabkommen zum Kampf gegen Produktfälschungen und Durchsetzung des heute noch geltenden Urheberrechts, wurde jahrelang im Geheimen verhandelt und sollte jetzt mehr oder weniger unbemerkt von der Öffentlichkeit durch die Vertragsstaaten und die Europäische Union in Kraft gesetzt werden.

Was das für uns konkret bedeuten kann, haben andere zum Beispiel hier aufgeschrieben. Ich habe die Reihenfolge so gewählt, daß es nach unten hin immer detaillierter wird, so daß man aussteigen kann, wenn man seinen persönlichen Detaillierungsbedarf gedeckt zu haben meint.

Die Piratenpartei warnt bereits seit zwei Jahren vor den Folgen, die ACTA für uns alle haben kann, insbesondere vor massiven Eingriffen in unsere Privatsphäre und in die Meinungsfreiheit. Doch erst in den vergangenen Wochen entwickelte sich eine eigene Dynamik. In Polen gingen Menschen gegen ACTA auf die Straße, Abgeordnete des Parlaments waren mit Guy-Fawkes-Masken zu sehen, und endlich griffen auch die Medien das Thema auf. Die europäischen Piratenparteien und  weitere Organisation erklärten den 11. Februar 2012 zu einem Aktionstag gegen ACTA. Und, oh Wunder, einige der Vertragsstaaten – darunter auch Deutschland – bekamen plötzlich kalte Füße und setzten die Unterzeichnung von ACTA aus – vorerst zumindest.

Mit einer vorläufigen Aussetzung der Unterschrift läßt sich aber hoffentlich niemand täuschen, denn aufgeschoben ist schließlich nicht aufgehoben. Entscheidend ist nun vor allem eins: Das Europäische Parlament kann ACTA noch aufhalten, denn um in Kraft treten zu können, braucht der Vertrag die Zustimmung des EU-Parlaments. Der ACTA-Aktionstag soll die Abgeordneten darauf aufmerksam machen, daß ACTA nicht irgendeine von vielen Sachen ist, die man halt neben vielen anderen Vorlagen auch noch abnickt. Dieses Ziel dürften wir heute erreicht haben.

Als Teil dieser europaweiten Bewegung waren weit über 2.000 Teilnehmer bei der Stopp-ACTA-Demo in Dortmund dabei – zuviele für die ursprünglich vorgesehene Route des Demonstrationszuges. Stattdessen ging’s bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt vom Startpunkt gegenüber dem Dortmunder Hauptbahnhof über Königswall, Schwanenwall und Südwall bis zum Friedensplatz, wo die Abschlußkundgebung stattfand. Eine friedliche Demo mit vielen fröhlichen Gesichtern – trotz des ernsten Themas! Nur an der GEMA-Niederlassung gab es Pfiffe und Buhrufe.

Weitere Fotos in meinem Flickr-Account

Updates

  • 2012-02-13: Links zu ACTA ergänzt.

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Bedingungsloses Grundeinkommen

Geschrieben von Rainer Klute - 2011-12-03

Während ich dieses schreibe, diskutiert der Bundesparteitag der Piratenpartei gerade verschiedene Anträge zum sogenannten Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Was mir bei vielen Rednern fehlt, sind Aussagen zur Finanzierung. Da kommen Argumente wie »wir werden das BGE so finanzieren wie die Rettung der Banken« – was ja wohl eher ein Argument gegen ein BGE ist.

Wenn man allen Bürgern unabhängig vom Alter und unabhängig von der Berufstätigkeit ein Bedingungsloses Grundeinkommen auszahlen will, dann muß dieses Geld irgendwo herkommen. Es kann nicht mehr Geld als BGE ausgezahlt werden, als in den Topf hineinkommt.

Geld in den Topf kann nur aus Steuermitteln kommen, und Steuermittel entstehen vorwiegend aus Berufstätigkeit (ja, auch Körperschaftssteuern). Deswegen kann ein BGE mit einer festgelegten Mindesthöhe (z.B. 800 €) nicht funktionieren.

Gehen wir zunächst mal vereinfachend davon aus, es seien die Berufstätigen, die aus ihrem Einkommen einen gewissen Prozentsatz in den BGE-Topf abführen.

So, jetzt ist eine gewisse Summe S im Topf. Diesen können wir auf alle BGE-Empfänger E verteilen. Jeder bekommt also den monatlichen Auszahlungsbetrag

M = S / E

Ist M hinreichend hoch ist, wird mancher sagen: »Hey, bei einem so hohen BGE brauche ich doch nicht mehr zu arbeiten!«, seinen Job hinschmeißen und allein vom BGE leben wollen.

Was ist die Folge? Die Summe S, die im nächsten Monat im Topf ist, sinkt. Im Extremfall zahlt niemand mehr in den Topf ein. Konsequenz: Der monatliche Auszahlungsbetrag wird kleiner und sinkt im Extremfall auf Null.

Wem der Auszahlungsbetrag zu gering ist, nimmt wieder eine Arbeit auf und zahlt in den Topf ein, sprich: der monatliche Auszahlungsbetrag steigt wieder. Letztlich stellt sich ein Gleichgewicht ein.

Die Summe im Topf hängt natürlich nicht nur von der Anzahl der Einzahler ab, sondern auch von der Höhe der Einzahlungen bzw. vom Prozentsatz des Einkommens. Kommt zuwenig Geld in den Topf, kann man den Prozentsatz erhöhen.

Was ist die Folge? Wer meint, ihm bliebe von seinem Einkommen nicht genügend Geld übrig, wird seine Berufstätigkeit zugunsten des BGE aufgeben. Was passiert? Der Topf wird wieder kleiner. An der Stellschraube »BGE-Steuersatz« kann man also nur begrenzt drehen, wenn überhaupt noch Geld in den Topf kommen soll. Das kann man sich leicht am Extremfall einsehen: Bei einem Prozentsatz von 100 % arbeitet niemand mehr, und der Topf bleibt leer.

So, das waren nur ein paar schnelle Überlegungen. Über Themen wie besondere Bedürftigkeit, Kosten medizinischer Behandlungen, weitere Möglichkeiten, den Topf zu füllen usw., habe ich jetzt nichts gesagt.

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Internationale Energieagentur warnt Regierungen vor Klimakollaps

Geschrieben von Rainer Klute - 2011-11-12

Am 9. November erschien der diesjährige World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur (IEA). Darin prognostiziert die IEA den weltweiten Energieverbrauch bis 2035. Die wichtigsten Erkenntnisse: Der Energiebedarf wird weiter enorm ansteigen, Kohlekraft bleibt die Nummer Eins in der Stromproduktion.

Drei Szenarien

Wenn man Prognosen erstellt, trifft man bestimmte Annahmen über Rahmenbedingungen. Die IEA machte das auch und rechnete drei verschiedene Modelle mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen durch:

  1. Im ersten Szenario bleiben die gegenwärtigen politischen Rahmenbedingungen unverändert. Die IEA nennt dies das aktuelle Szenario.
  2. Im zweiten Szenario nimmt die IEA an, daß die in jüngster Zeit von den Regierungen eingegangenen politischen Verpflichtungen vorsichtig umgesetzt werden – auch wenn hier bislang noch nichts geschehen ist. Dieses neue Szenario ist für die IEA das wichtigste der drei.
  3. Das dritte Szenario schließlich unterstellt, daß die Regierungen alles Nötige dafür tun, um den langfristigen Anstieg der mittleren globalen Temperatur auf 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Man nimmt an, daß nur in diesem sogenannten 450-Szenario die Auswirkungen auf das Klima erträglich bleiben.

Düstere Aussichten für den Klimaschutz

Die Aussichten sind äußerst düster. Den Temperaturanstieg auf 2 °C zu begrenzen, wird wohl nicht gelingen, denn dazu dürften keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut werden. Denn was einmal gebaut sei, so die IEA, das bleibe über Jahrzehnte hinaus in Betrieb – mit gewaltigen Mengen an CO2-Ausstoß und dem entsprechenden Anteil an der Erderwärmung. Bis 2017 sei noch Zeit, den Bau von Kohlekraftwerken weltweit zu stoppen; danach sei es für immer zu spät und eine Begrenzung des Temperaturanstieg auf 2 °C nicht mehr zu schaffen.

Nach Lage der Dinge wird diese Zwei-Grad-Begrenzung wohl eine Illusion bleiben. Es ist ja schon fragtlich, ob die Regierungen ihre freiwilligen Verpflichtungen einhalten, die das zweite Szenario unterstellt. Zur Zeit leben 1,3 Milliarden Menschen, die überhaupt noch keinen Zugang zu Elektrizität haben. Da ist die Versuchung für die betroffenen Staaten groß, diese Menschen mit möglichst billiger Energie zu versorgen. Und das heißt leider: Strom aus Kohle.

Auch Deutschland baut gerade 10 neue Kohlekraftwerksblöcke und wird dadurch die CO2-Emissionen über Jahrzehnte hinaus erheblich steigern. Nötig sind die neuen Kohlekraftwerke durch den Ausstieg aus der Kernenergie, denn Erneuerbare Energien stehen noch nicht im erforderlichen Umfang zur Verfügung, um die wegfallenden Kernkraftwerke zu ersetzen.

Was CO2-Ausstoß und steigende Temperaturen für das Weltklima und für die Menschen bedeuten, soll hier nicht das Thema sein. Ich empfehle aber sehr, zu lesen, was Lars Fischer neulich über die Klimakatastrophe geschrieben hat. Turbulenzen in der Lebensmittelversorgung sind danach erst der Anfang.

Entwicklung der Energieträger

Doch zurück zum World Energy Report 2011. Die IEA geht ja in ihrem Hauptszenario davon aus, daß die Regierungen ihre freiwilligen Versprechen einhalten. Zwar bin ich nicht optimistisch, daß die Regierungen das im vollen Umfang tun, aber schauen wir uns dennoch einmal an, wie sich die Anteile der verschiedenen Energieträger in den nächsten Jahrzehnten laut IEA in diesem Szenario entwickeln:

Entwicklung der Energieträgeranteile bis 2035 (Quelle: IEA)

Entwicklung der Energieträgeranteile bis 2035 (Quelle: IEA)

Den größten Anteil am Gesamtverbrauch wird das Öl behalten, was natürlich Verkehr und Transportwesen geschuldet ist. Kohle erreicht 2025 einen Höhepunkt und geht dann allmählich zurück. Trotz des Rückgangs behält Kohle auch 2035 noch die Spitzenstellung in der Stromproduktion. Sind die Rahmenbedingungen weniger rosig, als das »neue« Szenario unterstellt, ist der Kohleanteil noch höher. Bemerkenswert ist der rasante Anstieg von Gas; die IEA spricht von einem »goldenen Zeitalter« für Gas.

Wie sieht es mit den CO2-armen Alternativen aus? Das Unglück im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi im März 2011 hat den Anstieg der Kernenergie gebremst, aber beileibe nicht gestoppt. Mit 70 Prozent Zuwachs rechnet die IEA bis 2035. Noch stärker dürfte der Anteil der Erneuerbaren Energien steigen, allerdings von einem niedrigem Niveau aus und nur dann, wenn massive Subventionen fließen. Die sind nötig, um den teureren Strom auf den Elektrizitätsmärkten wettbewerbsfähig zu machen. Die Subventionen müssen von Jahr zu Jahr steigen und 2035 etwa das Fünffache des heutigen Umfangs erreichen. Die IEA sieht diese Förderung der Erneuerbaren trotz der hohen Kosten als sinnvoll an, weil sie dauerhafte Vorteile im Hinblick auf Versorgungssicherheit und Umweltschutz versprechen.

Wasserkraft weist die IEA getrennt von den Erneuerbaren aus. Ihr Anteil an der weltweiten Stromerzeugung bleibt bei ungefähr 15 Prozent, wobei die Hälfte neuer Kraftwerkskapazitäten auf China, Indien und Brasilien entfällt.

Fünf vor 12

Die Prognosen der IEA sind eine Warnung an die Regierungen, endlich ernstzumachen mit wirksamen Klimaschutzmaßnahmen, endlich die CO2-Emissionen zu begrenzen. Das heißt auch, endlich Schluß zu machen mit den Subventionen für Kohle, die diese Art der Stromproduktion künstlich verbilligen. Kohlesubventionen bieten natürlich überhaupt keinen Anreiz zur CO2-Reduzierung – im Gegenteil!

Für Maßnahmen sind jetzt gerade mal noch fünf Jahre Zeit. Allerdings fürchte ich, daß das den meisten Regierungen nicht einmal reichen wird, den Ernst der Lage zu erkennen, geschweige denn, schnell Wirksames zu unternehmen.

Überhaupt nicht verständlich ist im Blick auf den Klimaschutz der Ausstieg der Bundesregierung aus der Kernenergie, denn Kernkraftwerke produzieren bekanntlich CO2-armen Strom. Der Ausstieg ist nur dann zu verstehen, wenn man nicht auf das Klima und auf CO2-Emissionen schaut, sondern auf die Wählerstimmen.

Denn Deutschlands Wähler fürchten sich vor Strahlung, Atommüll und einem zweiten Fukushima. Das kann man einerseits nicht einfach von der Hand weisen, denn selbstverständlich ist das Risiko von Kernkraftwerken höher als das von keinen Kernkraftwerken. Andererseits fehlt den Kernkraftgegnern offenbar die Fähigkeit, verschiedene Risiken miteinander zu vergleichen. Denn sonst kämen sie nicht auf die Idee, die äußerst geringen Risiken aus der Kernenergie durch das hohe Risiko Kohlekraft zu ersetzen, das in die Klimakatastrophe führt und Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen Heimat, wirtschaftliche Existenz oder Leben kosten wird.

Weblinks

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Piraten entern Berlin: Riesenchance, Riesenherausforderung

Geschrieben von Rainer Klute - 2011-09-18

Mit einem grandiosen Wahlergebnis zieht die Piratenpartei in das Berliner Abgeordnetenhaus ein: 9,0 Prozent sagt die ARD-Hochrechnung von 21:40 Uhr. Gerechnet hatte mit einem Erfolg in dieser Größenordnung niemand; auch die Piraten nicht, denn sonst hätten sie ein paar Kandidaten mehr aufgestellt. Im Moment sieht es so aus, daß sämtlich 15 Kandidaten der Landesliste Parlamentssitze erhalten.

Der Erfolg in Berlin ist für die Piratenpartei ein gewaltiger Durchbruch, bringt er sie doch bei vielen Wählern (und Nichtwählern!) auf den Schirm – bei manchen erstmals, bei manchen erstmals richtig. Wer noch nie etwas von der Piratenpartei gehört hatte, weiß jetzt mehr. Wer die Piraten noch nie gewählt hat, »weil das ja doch verschenkte Stimmen sind«, wird das ab heute anders sehen.

Der Berliner Wahlerfolg ist ein Leuchtturm und ein Orientierungspunkt für ganz Deutschland. Er ist eine Riesenchance für die Piratenpartei bei kommenden Wahlen – in anderen Ländern, im Bund und in den Kommunen sowieso! Gleichwohl wird sich das Ergebnis andernorts nicht leicht wiederholen lassen, denn was in Berlin ankommt, trifft andernorts noch lange nicht auf Zustimmung.

Gleichzeitig ist Berlin eine Riesenherausforderung für die Piratenpartei. Denn nun werden die Menschen genau hinschauen und gucken, was die Piraten machen und wie sie es machen. Lernen und Einarbeiten ist angesagt, dann vernünftige, solide Politik für Berlin. Wer die Piraten nur aus Protest gewählt hat – und das sind die allermeisten –, will zu Recht eine Bestätigung.

Das muß jetzt laufen, und ich denke, es wird laufen – mit frischen Ideen und mit Beteiligung der Bürger. Berlin ist die Chance für die Piratenpartei – vielleicht die einzige.

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Piraten und Religion

Geschrieben von Rainer Klute - 2010-12-23

Um das Thema »Piraten und Religion« ging es am 23. Dezember im Dicken Engel.

Dicker Engel

Wer den Dicken Engel noch nicht kennt: Das ist eine virtuelle Kneipe, in der regelmäßig Mitglieder der Piratenpartei und gelegentlich auch andere Menschen herumhängen. Sie ist virtuell, weil man nur per Internet hineinkommt und Computer und Headset braucht, um mit den anderen zu schwatzen. Ja, und die Software Mumble braucht man auch. Mehr dazu auf der Seite des Dicken Engels im Piratenwiki.

Donnerstags gibt es immer einen Themenabend mit Referenten, Vortrag und Diskussion. Und für den 23. Dezember schien ob der zeitlichen Nähe zu Weihnachten ein religiöses Thema angebracht. Offenbar bin ich in der Piratenpartei als religiöser Mensch bekannt. Jedenfalls habe ich mich über die Anfrage als Referent sehr gefreut.

Hier mein Vortrag:

Weihnachten

Folgt man den typischen Disney-Weihnachtsfilmen, so besteht Weihnachten vor allem aus folgenden Zutaten: Santa Claus, Nordpol, Elfen, Spielzeug, Schlitten, Rentieren (inkl. dem rotnasigen Rudolph), geschmücktem Weihnachstbaum, Geschenken, strahlenden Kinderaugen, glücklichen Erwachsene, heilen Familie (jedenfalls am Schluß eines Films) und gutem Essen. Eine spirituelle und vielleicht religiöse Komponente ist auch dabei: der Geist der Weihnacht.

Piraten und ihre Forderungen zu Kirche und Staat

  • Religionsfreiheit gemäß Artikel 4 GG.
  • Laizistischer Staat: Trennung von Kirche und Staat, Schutz des Bürgers vor religiösen Einflüssen
  • Deutlicher antireligiöser Unterton: Religion meinetwegen, aber bitteschön nur im Privaten. In der Politik hat Religion nichts zu suchen.

Religion – was ist das eigentlich?

Damit wir wissen, worüber wir hier reden, wäre eine Definition des Begriffs Religion nützlich. Schlägt man in der Wikipedia nach, findet man allerdings schnell heraus, daß es über hundert Religionsdefinitionen gibt, von denen sich aber bisher keine als allgemein anerkannt hat durchsetzen können.

Versuch einer Definition

Wir versuchen trotzdem, uns dem Begriff ein wenig zu nähern:

  1. Im ersten Ansatz kann man Religion als Glauben an Gott definieren. Dabei denke man etwa an die drei monotheistischen Religionen Christentum, Judentum und Islam. Wobei Muslime das Christentum nicht als monotheistisch sehen, denn da hat Gott ja einen Sohn. Und es gibt viele Religionen, die mehrere oder sogar sehr viele Götter verehren.
  2. Diese Definition paßt aber nicht zu Religionen wie dem Zen-Buddhismus, die gar nicht an einen Gott glauben. Fassen wir die Definition etwas weiter und sagen: Religion beschäftigt sich mit dem Übernatürlichen.
  3. Doch diese Definition ist immer noch zu eng. Das können wir etwa am Hinduismus erkennen (soweit man überhaupt von dem Hinduismus sprechen kann): Hier sind die Gottheiten nicht übernatürlich, stehen also nicht über dem Natürlichen. Vielmehr sind sie Teil des Natürlichen und durchdringen es. Das Spirituelle ist Teil des Empirischen.
  4. Definieren wir also Religion noch allgemeiner und bezeichnen Religionen als Weltanschauungen. Das Grundgesetz sieht ja auch beide Begriffe eng beieinander und spricht in Artikel 4 bewußt von der »Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses«.  Meine Weltanschauung erklärt mir, wie alles zusammenhängt und wie die Welt und das Leben funktionieren oder funktionieren sollten.
    • Woher komme ich?
    • Wohin gehe ich?
    • Wie sollte ich leben?
    • Wie sollten wir miteinander leben?
    • Was ist der Sinn?

Verschiedene Religionen, verschiedene Weltanschauungen kommen hier zu unterschiedlichen Antworten.

Nichtreligiöse Religionen

Auch wenn wir Religion als Weltanschauung definieren, schwingt dabei dennoch immer die Idee des Göttlichen oder des Spirituellen mit. Es gibt aber bekanntlich auch Weltanschauungen, die dies ablehnen, beispielsweise Materialismus oder Teile des Humanismus. Auch der Materialismus hat Antworten auf die Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu. Nach materialistischer Sichtweise kommt der Mensch durch Zufall ins Leben. Bewußtsein, Gedanken, Ideen und Gefühle basieren allein auf Materie. Ein Weiterleben nach dem Tod gibt es nicht. Da sich das Leben allein auf das Diesseits erstreckt, sollte jeder so leben, daß er möglichst glücklich ist. Und da das die anderen ebenfalls wollen, sollten wir schauen, daß wir uns gegenseitig möglichst wenig in unserem Glücklichsein beeinträchtigen.

Der Materialismus ist keine verfaßte Religion. Dennoch erkennen wir einige Grundmuster und Gemeinsamkeiten:

  • Es gibt eine Dogmatik: Es ist alles Materie.
  • Es gibt eine Teleologie (Sinn, Zweck): Glücklichsein.
  • Es gibt eine Ethik: Regeln, die ein gutes Leben für alle ermöglichen sollen.

Entsprechendes gilt für andere nichtreligiöse Weltanschauungen.

Weltanschauungen sind axiomatisch

Und noch etwas Entscheidendes haben religiöse und nichtreligiöse Weltanschauungen gemeinsam.

Jeder von uns gestaltet sein Leben nach bestimmten Prinzipien und Regeln, ganz egal, ob bewußt oder unbewußt. Bei dem, was wir tun, lassen wir uns leiten von dem, wie die Welt und das Leben unserer Meinung nach funktioniert oder funktionieren sollte. Diese Prinzipien und Regeln lassen sich letztlich zurückführen auf einige Grundannahmen oder Axiome. Wie wir die Dinge sehen und wie wir leben, beruht letztlich auf diesen Axiomen.

Axiome können wir nicht weiter begründen, sondern sind selbst die Grundlage unseres Weltbildes. In der Regel entziehen sie sich einem Beweis und sind in gewisser Weise willkürlich.

Beispielsweise kann ich die Existenz oder Nichtexistenz eines Gottes prinzipbedingt nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden beweisen. Es ist eine reine Annahme, ein Axiom.

Gehe ich davon aus, das es keinen Gott gibt und alles auf Materie beruht, hat das Konsequenzen für die Art und Weise, wie ich mein Leben führe. Ich bin dann nur mir selbst gegenüber verantwortlich, eventuell auch gegenüber anderen Menschen und gegenüber dem Staat. Vertrete ich humanistische Ideale, wird mir die Verantwortung gegenüber anderen besonders wichtig sein. Da ich annehme, daß mein Leben mit dem Tode endet und danach nichts mehr kommt, brauche ich mir über ein Leben nach dem Tod und über eine Verantwortung gegenüber einem Gott keine Gedanken zu machen.

Das sieht anders aus, wenn ich davon ausgehe, daß es einen Gott gibt und zwar den Gott der Bibel. Dann bin ich nicht nur mir selbst, anderen Menschen und dem Staat gegenüber verantwortlich, sondern auch Gott gegenüber – und zwar Gott gegenüber zuallererst. Dann geht das Leben nach dem Tod weiter, und die Entscheidungen, die ich im Leben vor dem Tod treffe, haben Konsequenzen auf mein Leben nach dem Tod.

In beiden Fällen gehen wir von Grundannahmen aus, die wir plausibel finden mögen, die wir aber nicht naturwissenschaftlich beweisen können. Der Atheist kann nicht beweisen, daß Gott nicht existiert. Und wenn ich davon erzähle, wie ich Gott erlebe, kann ich das lediglich bezeugen, aber nicht beweisen. Die Grundlagen von Religionen und von anderen Weltanschauungen sind Axiome und entziehen sich daher ihrem Wesen nach einer Argumentation. Sie sind daher immer auch willkürlich.

Übrigens trifft diese Willkürlichkeit auch für die Menschenrechte zu. Wir können sie bzw. ihr Gelten nicht weiter begründen, sondern nur sagen: Das ist eben so. Oder besser: Das wollen wir so. Und das ist keine Selbstverständlichkeit: die Menschenrechte galten und gelten längst nicht zu allen Zeiten und an allen Orten.

Zwischen den verschiedenen religiösen und nichtreligiösen Weltanschauungen bestehen bekanntlich große inhaltliche Unterschiede. Allen gemein ist aber, daß es bestimmte axiomatische Grundüberzeugungen gibt, aus denen sich Lebens- und Politikgestaltung ableiten. Der Unterschied zwischen einem religiösen und einem nichtreligiösen Menschen besteht also lediglich darin, daß der eine Mensch seine Grundüberzeugungen durch seinen Glauben prägen läßt und der andere nicht. Oder wie es neulich ein Pirat formuliert hat: Jeder hat einen Glauben, auch wenn er nicht religiös ist.

Der pragmatische Ansatz

Viele Piraten wollen aber den ganzen weltanschaulichen Kram einfach beiseite lassen. Entscheidungen sollten nicht von irgendwelchen religiösen, moralischen oder weltanschaulichen Standpunkten aus getroffen werden, sondern allein aufgrund pragmatischer Erwägungen. Es sollten Lösungen umgesetzt werden, die gut sind, die funktionieren, die uns zum Ziel führen.

Aber so etwas wie eine weltanschaulich neutrale Politik gibt es nicht. Das merken wir, wenn wir über unsere Ziele sprechen. Denn wie unsere Ziele aussehen, leiten wir ja aus unseren Grundüberzeugungen ab. Die können wir nicht an der Garderobe abgeben und so tun, als hätten wir keine. Das wollen wir ja auch gar nicht. Wir wollen doch genau das umsetzen, was unseren Grundüberzeugungen entspricht. Damit zeigt sich auch der pragmatische Ansatz als weltanschaulich geprägt.

Folgerungen für die Politik

  • Sämtliche Weltanschauungen beruhen auf Axiomen.
  • Aus Sicht des Staates besitzt damit keine einen begründbaren Vorzug. Es gibt allerdings Weltanschauungen, die sich nicht bewährt haben (z.B. Kommunismus oder Nationalsozialismus).
  • Daher soll der Staat neutral sein.
  • Der Staat darf keine Religion oder Weltanschauung benachteiligen oder bevorzugen. Der Staat soll neutral sein, aber nicht antireligiös.
  • Religionsfreiheit gemäß Artikel 4 GG: (1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
    • Jeder hat das Recht, religiöse oder nichtreligiöse Weltanschauung frei zu wählen.
    • Ungestörte Religionsausübung heißt übrigens durchaus auch öffentliche Religionsausübung
    • Jede Religion oder Weltanschauung hat das Recht, andere umfassend zu informieren und für sich /dafür zu werben.

Laizistischer Staat

  • Mit der Forderung nach einer Trennung von Kirche und Staat habe ich als Freikirchler kein Problem. Freikirchen und Staat haben ja nicht so viele Berührungspunkte wie die katholische Kirche oder die evangelischen Landeskirchen. Das Problem ist eher, daß sich viele Christen aus den Freikirchen und die Freikirchen selbst so herzlich wenig für Politik interessieren. Als Christ sollte ich mich nicht nur für das ewige Heil der Menschen interessieren, sondern mich auch für ihr irdisches Wohl einsetzen.
  • Die Forderung nach Schutz des Bürgers vor religiösen Einflüssen ist Quatsch.
    • Sie widerspricht dem Recht auf Religionsfreiheit.
    • Sie ist eine Bevorzugung nichtreligiöser Weltanschauungen und damit eine Verletzung des Neutralitätsgebots.
  • Die Schule soll umfassend über die maßgeblichen Religionen und Weltanschauungen informieren. Keine Diskriminierung von Religionen durch Bevorzugung nichtreligiöser Weltanschauungen! Konfessioneller Religionsunterricht und konfessionelle Schulen sind Möglichkeiten dazu, aber nicht die einzigen.
  • Die Kirchen erbringen erhebliche Dienstleistungen für den Staat, z.B. in Kinderbetreuung oder Krankenpflege. Wer die strikte Trennung von Kirche und Staat will, soll erstmal ein Konzept vorlegen, wie er das auffangen will.
  • Potentiale heben! Christen, Muslime und die Angehörigen anderer Religionen nicht aus der Gesellschaft herausdrängen, sondern auffordern, Verantwortung zu übernehmen und sich für die Menschen in unserem Staat einzusetzen. Politikverdrossene Bürger haben wir mehr als genug!

Religion als Privatsache

  • Bei manchen Piraten hört man einen antireligiöser Unterton: Religion meinetwegen, aber bitteschön nur im Privaten. In der Politik hat Religion nichts zu suchen. Wie ich oben bereits gezeigt habe, ist eine religiös bzw. weltanschaulich neutrale Politik gar nicht möglich.
  • Religionsfreie Politik fordert von den Gläubigen etwas, was sie von keinem anderen fordert: Sie sollen ihre religiösen Überzeugungen bitteschön abgeben, bevor sie in den politischen Diskurs eintreten. Damit sollen sie das drangeben, was für viele von ihnen das Eigentliche ihres Lebens ist.

Und wieder Weihnachten

Und damit sind wir wieder da, wo wir angefangen haben: bei Weihnachten. Denn das Eigentliche meines Lebens hat mit dem zu ist, worum es Weihnachten geht oder besser: gehen sollte. Nein, nicht um den Geist der Weihnacht.

Die Grundüberzeugung meines Lebens ist, daß es einen Gott gibt und daß dieser Gott als kleines Kind vor 2000 Jahren auf die Welt gekommen ist. Das ist der Grund, warum wir Weihnachten feiern. Jesus hat das nicht aus Spaß gemacht. Das hat er gemacht, weil wir es ihm wert sind. Er will uns Sinn und Erfüllung geben. Das hat ihn Blut, Schweiß und Tränen gekostet – und das Leben. Doch damit sind wir eigentlich schon bei Karfreitag. Und bei Ostern. Und bei Himmelfahrt.

Beim Glauben geht es nicht darum, irgendeine Dogmatik für wahr zu halten oder sich irgendwelchen Gesetzen unterzuordnen. Es geht darum, Jesus persönlich kennenzulernen, eine Beziehung mit ihm einzugehen und das Leben mit ihm zu gestalten.

Wenn ich politische Weihnachtswünsche habe, dann diese:

  • Ich wünsche mir eine Politik, die mir erlaubt, das, was ich gerade gesagt habe, auch morgen noch frei und offen sagen zu können.
  • Ich wünsche mir Freiheit für die Christen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden und um ihr Leben fürchten müssen, z.B. in Nordkorea und vielen islamischen Staaten.
  • Ich wünsche mir natürlich auch, daß viele von euch anfangen, sich für den Glauben zu interessieren – in einem Staat, der das erlaubt und niemanden in eine bestimmte Glaubens- oder Unglaubensrichtung drängt.

In diesem Sinn euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest!

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Pirat bleiben oder gehen? Überlegungen nach dem Bundesparteitag der Piratenpartei

Geschrieben von Rainer Klute - 2010-12-04

Und sie haben es doch getan! Auf ihrem Bundesparteitag vor zwei Wochen, am 20. und 21. November in Chemnitz, beschloß die Piratenpartei familienpolitische Ziele, die sich mit meinen Werten als Christ überhaupt nicht decken. Ich hatte darüber bereits im Vorfeld des Parteitags gebloggt, siehe »Piraten schützen das Grundgesetz – oder doch nicht?«.

Gleich nach diesen Beschlüssen hatte ich getwittert, meine Mitgliedschaft in der Piratenpartei überdenken zu müssen. Das habe ich inzwischen getan. In diesem Beitrag möchte ich meine Gedanken schildern und meinen Entschluß erläutern.

Die Parteitagsbeschlüsse

Was der Parteitag im einzelnen beschlossen hat, kann man im Piratenwiki auf der Seite der Antragskommission nachlesen. Da sind durchaus eine Menge guter Dinge dabei! Ich will aus den vielen Punkten, die ich unterstütze, nur zwei Beispiele herausgreifen:

Aber da sind auch die Punkte, die aus meiner Sicht überhaupt nicht gehen oder mit denen ich zumindest heftige Bauchschmerzen habe:

  • Hinter dem Recht auf sichere Existenz und gesellschaftliche Teilhabe steckt eine gute Absicht, die ich unterstütze. Ja, jeder Mensch soll ein Leben in Würde führen können. Das leitet sich aus Artikel 1 des Grundgesetzes ab. Und dieses Leben in Würde soll unabhängig sein von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des einzelnen. Insofern geht der Beschluß in die richtige Richtung.

    Viele Piraten verstehen darunter jedoch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Da sehe ich ganz erhebliche praktische Probleme. Beispielsweise hält nicht jeder die Begriffe Leistung und Leistungsfähigkeit sauber auseinander. Und ein ganz triviales Argument: Geld, das man ausgeben will, muß man zuvor eingenommen haben – es sei denn, man will mit der Verschuldungspolitik der jetzigen Regierung und ihrer diversen Vorgängerinnen weitermachen.

    Aber gut. Da der Beschluß ausdrücklich keinen bestimmten Weg zum Ziel ideologisch festschreibt, bin ich durchaus bereit, mich mit konkreten Konzepten auseinanderzusetzen.

  • Nur noch an den Kopf fassen kann ich mich aber angesichts der Forderung nach Abschaffung des § 173 StGB (Beischlaf zwischen Verwandten). So ein Schwachfug! Ich will das an dieser Stelle überhaupt nicht inhaltlich diskutieren. Aber, liebe Befürworter, laßt euch bitte nur mal die Frage gefallen, was dieser Beschluß wohl Außenstehenden signalisiert! Hat unser Land eigentlich keine dringenderen Probleme?

  • Ja, und schließlich haben wir diese Grundsatzbeschlüsse zur Queer- und Familienpolitik. Hier die einzelnen Module zum Nachlesen:

    Die Intention der Beschlüsse läßt sich bereits an Wortwahl und -stellung der Überschrift ablesen. Die lautet nicht etwa »Familienpolitik«, auch nicht »Familien- und Queerpolitik«, sondern »Queer- und Familienpolitik«. Diese Formulierung macht die Rangfolge klar. Es geht um Queerpolitik. Hier treibt eine rührige Gruppe von Piraten ihr Lieblingsthema voran. Und damit es mit der Zustimmung auf dem Parteitag auch bloß klappt, verquickt man seine Ideen noch mit ein paar gutklingenden Sätzen wie dem vom besonderen Schutz von Lebensgemeinschaften, in denen Kinder aufwachsen oder schwache Menschen versorgt werden. Ach ja, wer wollte auch Kindern oder Schwachen Schutz verweigern?

    Den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung spricht das Grundgesetz in Artikel 6 (1) jedoch nicht allen und nicht irgendwelchen Lebensgemeinschaften zu, sondern dediziert Ehe und Familie. Diesen besonderen Schutz will der Bundesparteitag offenbar ausgehebelt wissen. Den Widerspruch zum Grundgesetzartikel 6 hat man leichter Hand ignoriert. Sofern ich im Livestream nichts verpaßt habe, gab es nicht einmal eine Diskussion über diesen Aspekt! Hat das denn niemand bemerkt? Was für ein Armutszeugnis für eine Partei, die doch das Grundgesetz auf ihre orangen Fahnen geschrieben hat! Aber kaum steht es dem eigene Wollen und Wünschen im Weg, schiebt man es einfach beiseite. Das kennen wir doch bisher nur von gewissen anderen Parteien!

Verlorene Werte

Ich war 2009 in die Piratenpartei eingetreten, weil sie für mich die einzige politische Kraft war, der das Grundgesetz wirklich am Herzen liegt. Ich habe eine große Übereinstimmung gesehen zwischen den Werten der Piraten und meinen eigenen. Heute, nach diesem Bundesparteitag, ist die Schnittmenge erheblich geschrumpft – ebenso wie mein Vertrauen in die Grundgesetztreue der Piratenpartei.

Um diesen Blogbeitrag nicht zu lang werden zu lassen, will ich die inhaltliche Diskussion zu Einzelpunkte an dieser Stelle gar nicht führen. Vielleicht finde ich später die Zeit, meine Argumentation zu dem einen oder anderen Punkt darzustellen. Mir geht es heute nur um die eine Frage: Kann ich selbst mich noch in der Piratenpartei wiederfinden oder kann ich das nicht?

Wäre ich in der gleichen Situation wie 2009, als es für mich darum ging, in die Piratenpartei einzutreten oder nicht, wäre die Antwort ein klares Nein. Ein Blick in das neue Parteiprogramm, ein Blick auf die Schnittmenge der Werte, und die Sache wäre entschieden: nicht der Mühe wert!

Eine Geschichte mit Menschen

Allerdings ist meine Lage heute anders als vor meinem Eintritt. Damals war die Piratenpartei für mich eine mehr oder weniger abstrakte, unbekannte Organisation. Ich kannte nicht mehr als ihre Ziele. Diese Ziele fand ich gut, und wegen dieser Ziele bin ich die Piratenpartei eingetreten.

Seitdem ist viel passiert. Ich bin nicht bloß Mitglied, sondern habe einen Weg zurückgelegt mit dieser Partei. Es eine Geschichte mit Menschen. Es sind Begegnungen mit Piraten und Interessenten auf Stammtischen, an Infoständen, auf Parteitagen, auf dem Bahnhof, auf Twitter, auf Mailinglisten – und sogar am Telefon. Es ist der gemeinsame Aufbau der Pressearbeit in Nordrhein-Westfalen, es sind Begegnungen mit Menschen während des Sammelns von Unterstützungsunterschriften im Kreis Herford für meine Landtagskandidatur, es ist die Arbeit an der Dortmunder Kreisverbandssatzung. Es die persönlichen Begegnungen bei diesen und anderen Aktivitäten.

Die letzten eineinhalb Jahre waren für mich eine hochinteressante und wertvolle Zeit. Ich habe viel erfahren und viel gelernt. Und vor allem sind es die Menschen, die diese Zeit so wertvoll gemacht haben: diese Piraten, die so unverblümt ehrlich sind, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre Meinung sagen – und sich dafür einsetzen, daß jeder andere in Deutschland und in der Welt das auch tun kann, ohne um seine Freiheit, seine Gesundheit oder um sein Leben fürchten zu müssen.

Parteiintern habe ich das in dieser Weise erlebt. Das ging natürlich nicht ohne Auseinandersetzungen ab. Wir haben gestritten, über Positionen diskutiert und um Vorgehensweisen gerungen. Und abseits von der Parteiarbeit gab’s spannende Unterhaltungen über Glaubensthemen, gerade mit meinen atheistischen Freunden. Ob wir nun derselben Meinung waren oder uns nicht einigen konnten: Jeder war offen für die Argumente des anderen und ist sachlich geblieben – na ja, fast jeder.

Und? Wie geht’s nun weiter?

Nachdem ich getwittert hatte, meine Mitgliedschaft in der Piratenpartei zu überdenken, haben sich eine ganze Reihe Piraten bei mir gemeldet und mich ermutigt, dabeizubleiben. Dieter Klein schätzt meine »unaufgeregte Art, andere Sichtweisen in die Diskussion zu bringen«. Fabio Reinhardt hat mir einen offenen Brief geschrieben. Andere haben getwittert, gemailt oder mich persönlich angesprochen.

Das berührt mich sehr.

Ehrliche Piraten

Ich merke: Hier ist echtes Interesse – an mir als Person, nicht nur an dem, was ich für die Partei leisten kann. Die Leute sind offen, sich mit dem zu auseinanderzusetzen, was ich denke und was ich glaube, auch wenn nicht alles dem eigenen Weltbild entspricht. Einige haben mich sogar explizit dazu aufgefordert, meine Sichtweisen in die Diskussion einzubringen und sie innerhalb der Partei zu vertreten.

In der persönlichen Begegnung mit anderen Piraten spüre ich, daß hier keine Ideologen am Werke sind, sondern eine tiefe innere Überzeugung da ist, mit den Parteitagsbeschlüssen Menschen wirklich helfen zu können. Ich teile diese Positionen inhaltlich nicht, aber die Ernsthaftigkeit beeindruckt mich. Piraten sind ehrliche Leute. Sie schielen nicht nach dem, womit sie möglichst viele Wählerstimmen ködern können, sondern entscheiden nach dem, was ihnen am Herzen liegt. – Ob es klug ist, alles, was man denkt, in Beschlüsse zu gießen, ist eine andere Frage.

Das alles macht es mir schwer, die Piraten zu verlassen.

Ich kann ja auch mein politisches Engagement nicht einfach wieder an den Nagel hängen. Bei den sonstigen Parteien, den sogenannten etablierten, könnte ich mich aber auch nicht zu Hause fühlen. Warum das gerade bei der Partei mit dem C so ist, hatte ich bereits an anderer Stelle erläutert.

Christliche Parteien

Und wie steht es mit den christlichen Parteien, also PBC, CM oder AUF? Denen müßte ich als Christ doch nahestehen, oder? Manches hört sich in der Tat gut an. Aber wenn die christlichen Parteien in die Parlamente kommen und dort etwas bewirken wollen, dann sollten sie sich als allererstes zu einer einzigen Partei zusammenschließen. Und konkrete Konzepte müßten her! Wahlplakate mit Bibelversen reichen nicht aus, um Politik zu machen. Kürzlich erzählte mir ein Journalist und Christ, er habe sich mehrfach in der PBC engagieren wollen, sei aber jedesmal eiskalt abgeblitzt, wenn er konkret und kritisch nach Konzepten gefragt habe. Die christlichen Parteien sind also auch keine Alternative, zumindest nicht zur Zeit.

Und Gott?

Die für mich wichtigste Frage bei der Enscheidung für oder gegen die Piratenpartei mag für manchen, der dies liest, überraschend sein. Es ist die Frage, wie Gott das sieht – genauer: wie er es für mich sieht. Ich frage ihn danach und ich bekomme Antworten. Das muß ich denjenigen Lesern, die keine Christen sind, ein bißchen erklären. Den Atheisten unter euch wird das quer heruntergehen und euch in eurer Meinung bestätigen, daß ich sowieso irgendwie schräg drauf bin. Vielleicht bekommt ihr aber auch eine Ahnung davon, daß euer Weltbild nicht nur schon deshalb die Realität korrekt und vollständig widerspiegelt, weil ihr das gern so haben wollt.

Mancher glaubt ja, Christsein bestünde aus einer Sammlung moralischer Regeln, die man einzuhalten habe. Daß das nicht stimmt, habe ich bereits in einem anderen Blogbeitrag erklärt. Christen glauben vielmehr, daß man zu Gott eine persönliche Beziehung haben kann und daß Gott mit seinen Leuten redet. Dieses Reden Gottes geschieht in der Regel nicht durch Visionen und Auditionen – zumindest ist das in unserem Kulturkreis selten. Vielmehr sind es oft kleine Begebenheiten im Alltag: ein Vers, den ich in der Bibel lesen, oder ein Satz, den ein anderer Christ mir sagt. Und ich spüre: Jetzt redet Gott zu mir! Ein Bibeltext ist dann nicht mehr bloß ein alter Text in einem bestimmten historischen Zusammenhang, sondern Gott spricht dadurch in meine Situation hinein. Der Text wird lebendig, wird für mich aktuell und hilft mir heute, eine Entscheidung zu treffen. Das funktioniert nicht mechanisch, das ist nicht machbar, und fromme Rituale nützen nichts. Das ist ein geistlicher Vorgang, der zu einer Zeit und auf eine Art und Weise geschieht, wie Gott es für richtig hält.

Nach dem Parteitag habe ich das erlebt, als ich in der Bibel die Stelle Johannes 17, 15 gelesen habe. Dort betet Jesus mit Blick auf seine Leute: »Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.« Und ich merke: Hier spricht Gott zu mir. Es sagt mir: »Die Welt – dazu gehört für dich auch die Piratenpartei. Zieh dich da nicht raus! Du hast da deinen Platz. Es ist gut, wenn du dabei bleibst. Ich werde mich schon darum kümmern, daß das eine gute Sache wird!«

In den folgenden Tagen habe ich weiter darüber nachgedacht und gebetet, um meine eigenen Gedanken von Gottes Gedanken unterscheiden zu können. Der starke Eindruck ist geblieben; ich bleibe also dabei.

Im Zwiespalt

Doch ich werde mit einem inneren Zwiespalt leben müssen. Mein Einsatz kann nicht mehr ungeteilt sein. Natürlich werde ich mich weiter für unsere Grundrechte einsetzen und mich für Themen wie JMStV, ACTA oder INDECT starkmachen. Positionen der Piratenpartei, die meinen inneren Überzeugungen zuwiderlaufen, kann ich aber am Infostand oder sonstwo nicht vertreten. Vielmehr habe ich vor, den innerparteilichen Dialog zu suchen und Überzeugungsarbeit zu leisten. Das ist ja etwas, was ich an der Piratenpartei richtig gutfinde: Ein solcher Dialog ist möglich! Nicht bei allen Parteien ist das der Fall. Meinungsvielfalt, wie sie einer demokratischen Partei angemessen ist: das finde ich gut! In diesem Zusammenhang ist auch der Blogbeitrag von Nineberry wichtig, der zur Meinungsvielfalt auffordert und unterschiedliche Strömungen begrüßt – Parteien innerhalb der Partei sozusagen.

Gegenüber anderen werde ich mein Engagement für die Piratenpartei auch mehr als zuvor begründen müssen. In meiner Gemeinde, der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) Dortmund, konnte ich bei der Landtagswahl eine ganze Reihe Wähler für die Piratenpartei mobilisieren. Das wird künftig anders sein. Man wird mein Engagement bei den Piraten wohl akzeptieren (müssen), aber selber Piratenpartei wählen? Wozu denn das? Für was von dem, was Christen wertvoll ist, steht die Piratenpartei denn ein? Die Idee von Parteien in einer Partei ist ja nicht unbedingt unmittelbar eingängig.

Aber gut. Eingetreten bin ich in die Piratenpartei, weil ich das Grundgesetz vor den etablierten Parteien schützen wollte. Jetzt bleibe ich dabei, um es auch vor der Piratenpartei zu schützen. Über Mitstreiter würde ich mich freuen.

Ich bleibe Querdenker statt Queerdenker.

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Piraten schützen das Grundgesetz – oder doch nicht?

Geschrieben von Rainer Klute - 2010-09-23

Das Grundgesetz schützen

Das Grundgesetz schützen – das war mir das wesentliche Anliegen, als ich im letzten Jahr in die Piratenpartei eingetreten bin und begonnen habe, mich politisch zu engagieren. Unerträglich waren die Eingriffe geworden, mit denen die etablierten Partei regelmäßig das Grundgesetz zu unterhöhlen suchten und fast ebenso regelmäßig vom Bundesverfassungsgericht zurückgepfiffen wurden.

Eine Partei, die sich dem Schutz der Grundrechte im allgemeinen und dem Schutz des Grundgesetzes im besonderen verschrieben hatte, die bei der Europawahl 2009 überraschende 0,9 Prozent geholt und bei der noch mehr gehen könnte? Da sollte sich politisches Engagement lohnen! Und in der Tat: Bei der Bundestagswahl 2009 kam die Piratenpartei auf 2,0 Prozent der Zweitstimmen und ist damit aus dem Stand zur größten Kleinpartei geworden.

Familienpolitik modernisieren?

Und nun dies: Im innerparteilichen Demokratiewerkzeug »Liquid Feedback« stellten die Parteimitglieder »Arte Povera« und Torsten Jaehne die Initiative Familienpolitik modernisieren – Vielfalt von Lebensformen anerkennen vor, wo sie unter anderem fordern, den Schutz der Ehe in Art. 6 (1) GG abzuschaffen. »Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung« schreibt das Grundgesetz dort fest.

Na gut, schließlich kann jeder auf Liquid Feedback beantragen, was er will, und bei gut 12.000 Parteimitgliedern finden sich immer ein paar mit verqueren Gedanken. Doch die beiden fanden für ihre Initiative tatsächlich genügend Unterstützer, so daß es schließlich zur Abstimmung kam, die die Initiative mit 371 Ja-Stimmen gegen 90 Nein-Stimmen bei 58 Enthaltungen gewann.

Nun hat dieses Ergebnis – wie alle Abstimmungen auf Liquid Feedback – keine Bedeutung für das offzielle Parteiprogramm. Das kann nur ein Bundesparteitag ändern. Man darf auch fragen, wie repräsentativ für die Parteimeinung die Abstimmung überhaupt ist, wenn von 12.000 Mitgliedern knapp 3.200 bei Liquid Feedback angemeldet sind und von diesen wiederum nur 519 überhaupt an der Abstimmung teilgenommen haben und insgesamt gerade mal 2,6 Prozent aller Mitglieder für die Initiative und für die Änderung des Grundgesetzes gestimmt haben. Dennoch halte ich es nicht für völlig ausgeschlossen, daß ein solcher Antrag auf einem Bundesparteitag eine Mehrheit fände.

Wohin, Piratenpartei?

Wie ist das zu bewerten? Meine eigene Position findet sich in den Blogbeiträgen von »Validom« und Frank Mazny wiedergegeben, so daß ich mir hier eine Wiederholung in eigenen Worten sparen kann:

Einen entgegengesetzten Standpunkt vertritt Aleks A. Lessmann:

Weitere Beiträge:

Von außen, von jemandem, der selbst kein Mitglied der Piratenpartei ist, stammt diese sehr gute Analyse:

Inzwischen (2010-09-24) hat es die Debatte auch in das Wiki der Piratenpartei geschafft. Die Seite »Grundgesetzdebatte« enthält weitere Verweise auf Beiträge und lädt zum Mitdiskutieren ein.

Diese Beiträge und die Kommentare der Leser zeigen, was zur Zeit zu Ehe, Familie, anderen Formen des Zusammenlebens, Grundgesetz und Grundgesetzänderung in der Piratenpartei abgeht. Vermutlich wird es in den nächsten Tagen weitere Beiträge geben. Die werde ich hier verlinken, soweit sie in mein Blickfeld geraten und neue Aspekte in die Debatte bringen. Auch sonst könnte dieser Beitrag die eine oder andere Aktualisierung erfahren.

Und ich selbst?

Schließlich die für mich persönlich wichtigste Frage: Wie würde ich reagieren, falls ein Bundesparteitag tatsächlich aus der Initiative Programm machen sollte? Könnte ich in einer solchen Partei bleiben? Einerseits wäre ein Austritt ein Zeichen, hier klar auf Distanz zu gehen. Andererseits habe ich in der Piratenpartei viele wertvolle Menschen kennengelernt, mit denen ich weiter gern verbunden sein möchte. Und mit denen ich gern weiter Politik machen möchte, besonders Kommunalpolitik in Dortmund.

Falls ich dabeibleiben sollte, müßte ich ständig mit diesem inneren Konflikt leben, für eine Partei einzustehen, die in zumindest diesem Punkt meinen Grundwerten diametral entgegensteht. Könnte ich das? Vielleicht geht es, wenn ich mit diesem Konflikt offen umgehe und immer deutlich mache, daß er besteht und ich hier niemals auf eine solche Parteilinie einschwenken werde. Ich hätte aber ganz gewiß erhebliche Probleme, meine Freunde aus dem christlichen Lager für die Piratenpartei zu begeistern und sie als Wähler zu halten oder gar neue hinzuzugewinnen. Der Zug wäre dann endgültig abgefahren.

Stand heute weiß ich noch nicht, wie ich mich entscheiden würde. Momentan handelt sich ja auch nur um Gedankenspiele. Die Frage steht gegenwärtig noch gar nicht an. Warten wir den Bundesparteitag in Chemnitz am 20. und 21. November in Chemnitz ab. Einstweilen werde ich weiter das Piraten-T-Shirt tragen, wenn ich mit dem Rennrad unterwegs bin und Reklame Werbung machen. Es bleibt spannend bei den Piraten!

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Wahlnachlese: langfristig denken und die Herzen erreichen

Geschrieben von Rainer Klute - 2010-05-11

So, von mir etwas verspätet auch noch eine Nachlese zur Landtagswahl 2010 in Nordrhein-Westfalen. Aus Piratensicht ist ja schon einiges dazu geschrieben worden. Das will ich nicht aufwärmen, sondern mich auf wenige Aspekte beschränken.

Stimmenverluste

Die Piratenpartei ist weit hinter den eigenen Erwartungen zurückgeblieben. Nachdem sie bei der Bundestagswahl in NRW noch 1,67 Prozent der Zweitstimmen holen konnte, reichte es bei der Landtagswahl nur für 1,52 Prozent. Guckt man nicht auf die Prozente, sondern auf die absoluten Zahlen, sieht das Bild noch dramatischer aus: 119.581 Wähler wählten Piraten gegenüber 158.585 bei der Bundestagswahl. Ein Verlust von 39.004 Stimmen oder knapp einem Viertel der Wähler.

Gut, die geringe Wahlbeteiligung spielt eine Rolle. Ich hatte aber eigentlich angenommen, Piratenwähler seien wahlmotivierter als andere. Gut, viele haben taktisch SPD, Grüne oder gar die Linke gewählt, um Schwarz-Gelb zu verhindern. Das kann man daran erkennen, daß die Piratenpartei in vielen Wahlkreisen mehr Erst- als Zweitstimmen bekam. Meine Meinung: taktisch wählen ist wie taktisch heiraten. Es erfüllt seinen Zweck, aber es macht nicht glücklich.

Werbung wirkt langfristig

Die Piratenpartei ist immer noch weitgehend unbekannt, zumindest auf dem Land. Das habe ich beim Unterschriftensammeln für meine Direktkandidatur im Wahlkreis Herford II deutlich gemerkt. Nicht wenige hatten noch nie etwas von der Piratenpartei gehört. Werbung muß daher vor allem den Namen »Piraten« bzw. »Piratenpartei« ins Spiel bringen und in den Köpfen verankern.

Dafür haben wir uns eingesetzt mit Plakaten, Flyern, Infoständen und Aktionen. Dafür haben wir Zeit, Kraft und Geld in diesen Wahlkampf gesteckt. Und nun fragt sich mancher durch das Wahlergebnis gefrustete Pirat, ob sich dieser Aufwand überhaupt gelohnt hat. Ich meine: ja, er hat.

  1. Wo wären wir wohl, wenn wir keinen Wahlkampf gemacht hätten?
  2. Der Aufwand hat sich gelohnt – nur nicht unbedingt für diese Landtagswahl.

Werbung wirkt langfristig, jedenfalls sollte sie das. Wer im April einen Flyer in die Hand gedrückt bekommen und erstmals von den Piraten gehört hat, wird im Mai nicht gleich sein Kreuz an der von uns gewünschte Stelle machen. Aber wenn die Piraten künftig wieder etwas von sich hören lassen, wir er einen Tick aufmerksamer sein. Wir legen heute die Grundlage für übermorgen. Damit das klappt, müssen wir uns regelmäßig Gehör verschaffen. Mit einer einmaligen Aktion zur Wahl ist es nicht getan.

Presse

Präsenz in der Presse ist wichtig, aber leider können aber weder die AG Presse NRW noch die lokalen Pressepiraten zaubern. Klar, wir geben Pressemitteilungen mit irgendwelchen Meinungen zu irgendwelchen Themen heraus. Die Erfahrung lehrt aber, daß die Meinungen einer 1,5-Prozent-Partei nicht wirklich zählen. Erheblich bessere Chancen auf Veröffentlichung haben Ankündigungen oder Berichte dessen, was wir tun oder welche Personen wir in irgendwelche Ämter wählen. Wer sich dafür näher interessiert, sollte den Wikipedia-Artikel zum Thema Nachrichtenwert lesen.

Einige Piraten wollen wohl auch nach der Wahl monatliche Infostände durchführen. Das ist eine gute Idee! Aber man braucht natürlich die entsprechende Man-, äh, Piratepower und vor allem Durchhaltevermögen. Sind alle motiviert, sich Monat für Monat auf die Straße zu stellen? Wie weit reicht die Motivation? Vielleicht ist es realistischer, erstmal einen vierteljährlichen Stand zu planen. Die Schlagzahl erhöhen kann man ja immer noch.

In unterpiratisierten Gegenden wie dem Kreis Herford wird auch das nicht gehen. Da war es nicht mal zur Landtagswahl möglich, einen nennenswerten Straßenwahlkampf zu führen. Dafür ist die Pressearbeit auf dem Land sehr viel leichter als in der Stadt. Dort sind die Lokalredaktionen dankbar für alles, was sie kriegen können. In der Großstadt in die Konkurrenz groß und jede Piratenmeldung buhlt mit tausend anderen um die Aufmerksamkeit der Redakteure. Jedenfalls bin ich mit der lokalen Berichterstattung in Herford II sehr zufrieden. Das hat gut geklappt, obwohl ich als Dortmunder kaum persönlich vor Ort sein konnte.

Plakate

Unsere Plakate fand ich suboptimal. Das erste ist mir in Köln begegnet, als ich mit meinem Faltrad daran vorbeifuhr. Die groß gedruckte Frage konnte ich gut lesen, die darunterstehende Antwort schon nicht mehr. Die war zu klein und ich dann schon vorbei. Überhaupt nicht zu sehen war das wichtigste: der Name der Partei – viel zu klein und zu unauffällig. Fußgänger, die vor einem Plakat stehenblieben und es gründlich lasen, fanden sich darin aber auch nicht zwangsläufig wieder. Den meisten Menschen brennen andere Fragen unter den Nägeln als »Dürfen Politiker Medien beeinflussen?«

Christian Gebel hat ein alternatives Plakat entwickelt, das viel besser funktioniert. Es ist zwar längst nicht so intelligent wie die vorgenannten, aber es ist genau so, wie ein Plakat sein sollte: plakativ.

Flyer

Für meinen Geschmack hatten zu viel verschiedene Flyer. Ich arbeite gern mit einem einzigen Flyer, der die wesentlichen Punkte enthält, den ich sehr gut kenne und den ich im Gespräch daher gut erklären kann. Den Flyer mit der Wahlprogrammkurzfassung finde ich prima. Noch schöner wäre gewesen, wenn er auch unsere Kernziele enthalten hätte. Aber die sind über der Euphorie über die neuen NRW-Themen wohl irgendwo außen vor geblieben.

Mit den Themenflyern kann ich nicht so viel anfangen. Ich trage nicht gern einen Bauchladen von Spezialflyern mit mir herum, nur damit ich möglicherweise den einen oder anderen weitergeben kann, falls jemand danach fragen sollte. Am Infostand war das auch nicht sehr viel anders.

Die Herzen erreichen

Piratenwahlkampf läuft über Intellekt und Logik, nicht über Herz und Bauch. Für die meisten Piraten ist das auch gut und richtig, denn es entspricht ihrer Wesensart – meiner auch. Nur werden wir allein damit nicht über die Fünf-Prozent-Hürde kommen. Denn die meisten Menschen ticken anders. Menschen sind nicht logisch.

Wir müssen es schaffen, die Menschen auch emotional abzuholen. Mit einem rein intellektuellen Wahlkampf erreichen wir nur eine kleine Minderheit. Politische Spezialthemen (»eine Landesbank für den Ministerpräsidenten«) interessieren die Menschen nicht. Selbst allgemeine politische Themen sind für viele uninteressant. Die Mitmachpartei ist ein prima Konzept, aber es will halt nicht jeder mitmachen. Politik und Piratenpartei müssen nicht nur intelligent sein, sondern sich auch gut anfühlen und Spaß machen. Das begeistert! Ein Indiz dafür: Mein Aufruf zum Wahl-Flashmob hatte erheblich höhere Abrufzahlen als ernstgemeinte Artikel wie dieser.

Ich will Sachargumente, Spezialthemen und Mitmachpartei überhaupt nicht kleinreden oder abqualifizieren. Diese Dinge sind notwendig und wichtig. Aber sie reichen nicht aus. Laßt uns die Menschen auch auf der Gefühlsebene ansprechen, damit wir wirklich viele erreichen! Bleiben wir nicht in unserer intellektuellen Nische stecken, die uns höchstens marginalen und indirekten politischen Einfluß bringt!

Was können wir konkret tun? Einige Vorschläge:

  • Veranstaltungen zum Thema Computer und Internet (speziell für Einsteiger und Senioren) z.B. in Zusammenarbeit mit den Volkshochschulen
  • Praktische Hilfe im sozialen Bereich anbieten
  • In der Kommunalpolitik mitarbeiten. Das geht nicht nur über Ratssitze. Die guten Wahlergebnisse in Aachen und Bonn zeigen, was möglich ist.

Bestimmt haben die Kreativen unter euch noch viel mehr Ideen! Laßt sie mich wissen, dann erweitere ich die Liste.

Wenn wir im Leben der Menschen vorkommen, wenn die Menschen mit »Piratenpartei« konkrete Personen verbinden, die sie kennen und schätzen, ist viel erreicht. Damit können wir sogar Nichtwähler ansprechen, die sich noch nie für Politik interessiert oder sich irgendwann frustriert abgewandt haben. Ein gewaltiges Potential! Persönliche Beziehungen sind wichtig. Darüber kann Interese an Politik entstehen. Das geht natürlich nicht von jetzt auf gleich, sondern ist eine langfristige Geschichte.

(Übrigens kenne ich das ganz ähnlich aus meiner Gemeinde. Da kommen Menschen in der Regel auch nicht »einfach so« zum Gottesdienst, weil sie ein spontanes Interesse am Glauben überfällt. Sondern jemand lernt ein Gemeindemitglied kennen, und fängt an, sich für das zu interessieren, was dem anderen wichtig ist. Das Interesse entsteht also nicht aus der Sache heraus, sondern wird vermittelt durch eine glaubwürdige Person. Dann läßt man sich gern auch mal zum Gottesdienst einladen – und sich womöglich von und für Jesus begeistern.)

Update zum Thema Nichtwähler (2010-05-13):

Landtagswahl Nordrhein-Westfalen 2010: Zweitstimmen und Nichtwähler Die nebenstehende Grafik zeigt, wie erschreckend hoch der Anteil der Nichtwähler ist (grau). Ebenfalls gut zu sehen ist, daß auch die sogenannten großen Parteien jeweils nur gut ein Fünftel der Wahlberechtigten hinter sich bringen konnten. Jedenfalls macht die Grafik klar, in welchem Bereich wir Piraten – aber auch andere Parteien – das größte Potential für weitere Wähler finden: Es sind diejenigen, die sich aus der Teilhabe am demokratischen Prozeß verabschiedet haben.

Wer warum nicht wählt und wie man das ändern kann, ist weitgehend unerforscht. Aber ein paar Fakten kennt man doch. So besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Armut einerseits und dem Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben andererseits. Mehr dazu kann man in einem Beitrag des Deutschlandfunks nachlesen bzw. -hören: Die Partei der Nichtwähler – Unbekannte Macht oder schweigende Mehrheit. Lesenswert!

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Wählen? Ja, um 13.37 Uhr!

Geschrieben von Rainer Klute - 2010-05-08

Morgen ist in Nordrhein-Westfalen Landtagswahl. Von 8 bis 18 Uhr haben die Wahllokale geöffnet, und die Wahlberechtigten stehen damit nicht nur vor der Frage, wen oder was sie wählen sollen, sondern auch wann.

Um dem geneigten Leser diese Entscheidung leichter zu machen: Es soll wohl am Wahltag einen bzw. ganz viele Flashmobs geben. Wer nicht allein wählen gehen mag, wem leere Wahllokale unheimlich sind, wer nette Leute kennenlernen oder einfach mehr Spaß am Wählen haben will, geht nicht irgendwann, sondern exakt um 13.37 Uhr zum Wahllokal. Wann hatten wir das letzte Mal Schlangen vor der Urne? Und vor allem: Wann hat das Wählen soviel Spaß gemacht?

Bitte weiterverbreiten!

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Spekulanten oder Politiker – Wem kann ich vertrauen?

Geschrieben von Rainer Klute - 2010-05-01

Ein Blog-Leser schreibt mir auf meinen Artikel »Taktisch oder strategisch – Wie wähle ich richtig?« und beklagt unter anderem, die Griechenland-Krise habe sein Vertrauen in unsere Politiker und in die Kontrollmechanismen der EU abermals erschüttert. Er denke über die Piraten-Alternative nach, schreibt der Leser. Das freut mich natürlich sehr, und ich wünsche viel Erfolg beim Nachdenken!

Die Frage nach dem Vertrauen ist in der Tat eine grundsätzliche.

Politiker und Spekulanten

»Vertraut endlich den Spekulanten!« überschreibt Gerd Habermann seinen Kommentar in der Welt Online. Er wirft den Politikern vor, ihren Job nicht gemacht zu haben, weil sie die sich anbahnende Krise in Griechenland nicht rechtzeitig erkannt hätten. Nicht die allzu nachsichtige EU-Kommission habe die finanzielle Verwahrlosung Griechenlands offenbar gemacht, sondern es seien die Märkte über die stark steigenden Risikoprämien für griechische Staatsanleihen gewesen.

Ich finde diesen Kommentar sehr lesenswert, auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich Habermann in allen Punkten folge. Folgendes jedenfalls wird klar:

  • Die Politik hat versagt. Griechische Politiker haben die Krise verursacht; EU-Politiker haben sie nicht rechtzeitig erkannt. Und das Versagen geht weiter: Jetzt versucht man es – wie üblich – mit Schnellschüssen. Man macht Milliarden locker, die man nicht hat, und gibt sie einem Land, das sie wahrscheinlich nicht zurückzahlen kann. Und noch schlimmer: Der Stabilitätspakt ist Makulatur. Versprechen und Vereinbarungen sind nichts mehr wert. Das Vertrauen ist erschüttert. Also eigentlich nichts neues.
  • Die Spekulanten sind nicht die Bösen. Sie haben die Krise nicht verursacht. Vielmehr haben sie durch ihr Handeln aufgedeckt, was die Politik am liebsten verheimlicht hätte.

Wem kann ich vertrauen?

Wir sollen den Spekulanten vertrauen, fordert uns Gerd Habermann auf. Ja, die sogenannte »Weisheit der Märkte« mag Entwicklungen viel sensibler und realistischer wahrnehmen als die Politik. Und wenn ich die Finanzmärkte beobachte, kann ich als Staat oder als einzelner vermutlich von der einen oder anderen Erkenntnis profitieren.

Aber ist das Vertrauen auf die Spekulanten wirklich die Lösung? Jedenfalls dann nicht, wenn ich Vertrauen im umfassenden Sinn meine. Einem anonymen Markt bin ich als Person völlig egal. Und Spekulanten sind nicht an mir interessiert, sondern nur am eigenen Gewinn, selbst wenn das für uns alle einen gewissen Nutzen bringen mag.

Daß das Vertrauen auf Politiker nicht gerechtfertigt ist, haben wir längst gemerkt. Ich denke, daß viele Politiker im Unterschied zu Spekulanten tatsächlich das Allgemeinwohl im Sinn haben. Aber vielleicht bin ich da einfach zu naiv. Immerhin besteht zwischen Wollen und Können ein Unterschied, und gut gemeint ist nicht dasselbe wie gut gemacht. Letztlich sind auch Politiker Spekulanten, denn sie spekulieren darauf, daß ihre Maßnahmen erfolgreich sein werden und zum Ziel führen. Nur leider ist bei Politikern in Finanzdingen der Inkompetenzfaktor deutlich zu hoch.

Natürlich kommt dieser Beitrag nicht ohne Plädoyer für die Piratenpartei aus. Die Piraten treten leidenschaftlich für einen transparenten Staat ein und wenden sich gegen Heimlichtuerei in der Politik. Hätten die Griechen transparente Politik gemacht, wäre es gar nicht erst zur Krise gekommen. Denn man hätte dann schon vor Jahren gemerkt, daß etwas aus dem Ruder zu laufen drohte und hätte gegensteuern können, als noch etwas zu machen war.

Ich glaube, daß Transparenz, mehr Bürgerbeteiligung in der Politik und andere Themen der Piratenpartei dieses Land voranbringen können. Daher hier nochmal an aller Leser aus Nordrhein-Westfalen der Appell, bei der Landtagswahl am 9. Mai 2010 die Piratenpartei zu wählen!

Dennoch sind auch Piratenpolitiker oder die »Weisheit der vielen« natürlich nicht automatisch Finanzfachleute oder Experten in allen Arten von Lebensbewältigungsfragen. Auf’s Ganze gesehen setze ich mein Vertrauen daher auf jemanden, der seine Versprechen hält, der an mir persönlich interessiert ist und der die Macht hat, seine Interessen durchzusetzen, auch seine Interessen an mir. Und der den Durchblick hat. Da kenne ich nur einen, und das ist Gott, das ist Jesus Christus. »Alle, die dich kennen, Herr, setzen auf dich ihr Vertrauen. Du lässt niemand im Stich, der deine Nähe sucht«, formuliert es Psalm 9, 11. Es könnte interessant sein, diesen Gott kennenzulernen – und aus dieser Erfahrung heraus Politik zu machen. Aber das ist ein anderes Thema für einen weiteren Blogpost.

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